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Reiseführer Europa

Transsibirische Eisenbahn - Reiseführer
Die längste Bahnfahrt der Welt zwischen Moskau und Wladiwostok

Reiseführer Transsibirische EisenbahnReiseführer Transsibirische Eisenbahn

Reiseführer Transsibirische Eisenbahn von Guido Schulte

Die Transsibirische Eisenbahn (russisch Транссибирская магистраль, Transkription Transsibirskaja magistral), kurz Transsib genannt, ist mit 9288 km die längste Eisenbahnstrecke der Welt, mit mehr als 400 Bahnhöfen zwischen Moskau und Wladiwostok am Pazifik. Sie ist die Hauptverkehrsachse Russlands. Der Regelbetrieb der Transsibirischen Eisenbahn wird von der staatlichen Russischen Eisenbahngesellschaft (RŽD) durchgeführt. Wie bei den meisten Eisenbahnstrecken des Landes wurde sie in Breitspur mit einer Spurweite von 1520 mm errichtet. Über die Transsibirische Eisenbahn verkehrt auch die längste durchgehende Zugverbindung der Welt (Moskau–Wladiwostok–Pjöngjang). Jeden zweiten Tag verlässt ein Zug 1/2 (Rossija) den Jaroslawler Bahnhof in Moskau und in der Gegenrichtung Wladiwostok, um 144 Stunden später in Wladiwostok am Japanischen Meer anzukommen. Zusätzlich verkehrt in ebenfalls zweitägigem Rhythmus Zug Nr. 99/100 bei rund 160 Stunden Fahrzeit. Neben diesen Zugpaaren verkehrt eine Vielzahl anderer Züge auf der Strecke. Bei Touristen beliebt sind die beiden Zugpaare nach Peking. Eines fährt über die Transmongolische Eisenbahn (Nr. 3/4), das andere über die Mandschurei (Nr. 19/20).

Reisetipps-Europa (Walder-Verlag)
Herausgeber und Autor: Achim Walder
Mitarbeiter/innen: Ralf Bayerlein, Eva Lenhof, Sebastian Walder, Andrea Junk, Elke Beckert, Peter Höhbusch
Redaktion: Ingrid Walder und Achim Walder
Foto: Ingrid Walder, Achim Walder und Freunde / Mitarbeiter
- Fotos und Texte, wenn gekennzeichnet, wurden von Tourismus-Büros freundlicherweise bereitgestellt. Der Walder-Verlag bedankt sich bei allen Sponsoren und Anzeigenkunden, die es ermöglichen, Ihnen diesen Reiseführer mit vielen Reisetipps und Freizeitattraktionen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Anzeigen sind grau hinterlegt.


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Von der Idee zur Planung

Der Wunsch, irgend wann einmal die Transsibirische Eisenbahn zu befahren, bestand bei mir eigentlich schon immer. Aber ich sagte mir jedes Mal, dies kann noch warten, sie wird ja nicht stillgelegt'. Eine Änderung dieser Meinung trat erstmals mit Glasnost und Perestroika und den damit verbundenen Reiseerleichterungen in der damaligen Sowjetunion ein. Als mir Martin Hoffman sagte, dass er in Russland jemanden kennt, der eventuell zur Mitfahrt gewonnen werden könnte, war mir klar - jetzt oder nie. Erste Kontakte versuchte mit Intourist in Berlin aufzunehmen, deren Prospekt über Preise und Reisemöglichkeiten ich auf der Internationalentourismusbörse (ITB) in Berlin bekommen hatte. Leider blieben alle Briefe unbeantwortet. Ich plante eine maximal vierwöchige Reise, wobei auf der Hinfahrt über die Transsibirische Eisenbahn (Transsib.) und wenn irgend möglich auf der Rückfahrt über die Bajkal-Amur Magistrale (BAM) gefahren werden sollte. Von der BAM hatte ich zwar schon gehört, konnte sie aber bisher nie so richtig geographisch einordnen. Mir war durchaus bewusst, dass eine Fahrt über die BAM eine echtes Novum sein würde. Während die Transsib. bei fast allen Reiseveranstaltern im Programm ist, waren Fahrten über die BAM nicht zu entdecken.
Wenn möglich sollte zusätzlich:

Zur Werbung wurden im Herbst erste Handzettel in Umlauf gebracht und wenig später gab es auch erste Interessenten. Zwischenzeitlich war ich über den Jahreswechsel in Australien. Als Generalprobe für Russland sozusagen. Dort konnte ich zwischen Sydney und Perth erste Erfahrungen beim Langstreckenfahren machen. Durch diese Tour wurde ich in meinem Entschluss, zukünftig öfter solche Fernreisen zu unternehmen, bestätigt. Aus Australien zurück stellte sich leider heraus, dass es INTOURIST in der bisherigen Form, als alleinigen Anbieter, nicht mehr gab. Ratlosigkeit machte sich breit. Auf der Suche nach einem Nachfolger stieß ich als erstes auf Olympia-Reisen in Bonn, dann auf KL-Reisen in Frankfurt, Lernidee-Reisen Berlin und AMEROPA. Mit Hilfe eines russischen Kursbuches entwarf ich mit Martin zusammen einen Reiseplan. Daraufhin schrieb ich alle vier Reiseveranstalter an, mit der Bitte, mir ein Angebot zuzusenden. AMEROPA musste sofort passen, von KL-Reisen gab es zwar ein Angebot, es hatte dafür aber wenig mit unseren Vorstellungen gemein. Das interessanteste Angebot kam vorerst von Olympia-Reisen in Bonn. Beim Besuch der ITB im Frühjahr 95 in Berlin wurde Martin und mir von Olympia-Reisen zugesichert, dass die Tour wohl zumachen sei. Überraschend stellen wir fest, dass doch Fahrten auf der BAM, wenn auch nur auf Teilstrecken, angeboten wurden, so zum Beispiel von INTOURIST in Chabrarowsk. Auch bei Lernidee war man bezüglich unserer Fahrt ganz optimistisch und am 21. März bekam ich dann auch das erste konkrete Angebot. Weil ich von Olympia-Reisen nur von einem Termin auf den nächsten vertröstet wurde ,entschlossen wir uns, die Fahrt mit Lernidee-Reisen durchzuführen. Die Zahl der Teilnehmer hatte ich auf vier Personen festgelegt; Martin Hoffman, Dortmund, Udo Plattner, Köln, Maja Schachowa, Nishnij-Nowgorod und meine Wenigkeit. Es gingen dann noch zahlreiche Briefe zwischen mir und Berlin hin und her, zumal Martin im Entwurf des Fernfahrplans der DB einen noch längeren Wagenlauf als den von Akmola entdeckt hatte; Omsk - Berlin. Am 30 Mai erhielt ich dann von Lernidee-Reisen das geänderte Angebot mit der Rückfahrt über Omsk. Für die geplante Aktion am Bajkalsee konnte uns Lernidee nicht weiterhelfen, es wurde uns empfohlen, dies vor Ort zu regeln. Der Countdown läuft, noch 30 Tage bis zum Start: Folgendes Programm konnte am 14. Juni bei Lernidee-Reisen endlich bestellt werden: Fahrkarte von Dortmund/Köln über Moskau, Irkutsk nach Wladiwostok, Fahrkarte von Wladiwostok über Chabarowsk, Komsomolsk am Amur, Tynda, Sewerobajkalsk, Nowosibirsk, Omsk nach Berlin. Je eine Übernachtung/Frühstück war vorgesehen in; Moskau, Listwjanka, Irkutsk, Chabarowsk, Sewerobajkalsk/Datscha am Bajkalsee, Omsk ohne Frühstück, je zwei Übernachtungen in Nowosibirsk und Wladiwostok außerdem eine Fahrt mit Raketenboot von Irkutsk nach Listwjanka.  Noch 13 Tage bis zum Start: Für uns Anlass genug, am 1 Juli eine letzte Besprechung durchzuführen. Treffpunkt war um 16.00 Uhr der Service-Point im Kölner Hauptbahnhof. Es wurde genau festgelegt, wer was zu besorgen hatte und für was verantwortlich war. Udo sollte für die nötige Reiseliteratur, Martin fürs Kartenmaterial, Fensterputzzeug, ich für eine Kette, Vorhängeschlösser und Reinigungsmittel, sorgen. Außerdem wurde noch geklärt ,was wir für vier Wochen Sibirien an Reiseproviant mitnehmen müssen.Noch fünf Tage bis zum Start: Am 10. Juli trafen dann auch endlich Visa, Fahrkarte nach Moskau und vier Gutscheine ein. Mit diesen vier Gutscheinen von Lernidee, die wir in den Hotels von Moskau, Irkutsk, Wladiwostok und Chabarowsk einlösen sollten, musste die gesamte Fahrt abgewickelt werden. Na dann mal los. Dem Beginn der Reise stand nichts mehr im Wege.

Der 1. Tag - Aufbruch

Heute geht es also los! Bis halb zehn arbeite ich noch, oder besser gesagt, ich verabschiede mich. Denn an die Möglichkeit, mich nach der Fahrt noch einmal wieder zusehen, will keiner so richtig glauben. Die verbliebene Zeit verbringe ich unter anderem mit einem letzten Gesundheitsheck beim Hausarzt und mit dem Einkaufen von Reiseproviant.Endlich ist es soweit, Ziemlich gestresst von den letzen Stunden erreiche ich den Bahnhof. Pünktlich um 19.09 Uhr verlasse ich mit dem Regional-Express, einem voll bepackten Rucksack und zwei Taschen gefüllt mit Proviant für vier Wochen den Bahnhof von Neheim-Hüsten. Über Schwerte/Ruhr erreiche ich um 20.07 Uhr den Hauptbahnhof von Dortmund. Da mit dem schweren Rucksack und den beiden Taschen keine großen Sprünge zu machen sind, gehe ich gleich zum Bahnsteig 10 a/b, wo um 20.40 Uhr der D 241 'Ost-West-Express' nach Moskau abfährt. Der Schnellzug läuft in Dortmund pünktlich ein. Unterdessen kommt Martin wie gewohnt erst mit Halten des Zuges auf den Bahnsteig. Noch schnell ein Foto vom Zug, dann gehen wir zum ersten Wagen des von einer Lok der Baureihe 112 gezogen Zuges. Dort werden wir schon von Udo erwartet, der bereits seit Köln im Zug ist und dem Schlafwagenpersonal unser Erscheinen schon angekündigt hat. Unsererseits steht an einer fahrplanmäßigen Abfahrt nichts mehr im Weg. Aber wir haben die Rechnung (Fahrplan) mal wieder ohne die DB gemacht. Angeblich wegen Abwartens eines wichtigen Anschlusszuges verzögert sich die Abfahrt um 30 Minuten. Endlich um 21.10 Uhr verlassen wir Dortmund und wer weiß, ob wir es jemals wiedersehen werden. Nachdem wir unsere Fahrkarten dem Schlafwagenpersonal übergeben haben, ist es Zeit sich häuslich einzurichten. Das Gepäck verstauen wir unter dem unteren Bett und über der Tür. Immerhin wird der Zug nun für rund 39 Stunden unser Zuhause sein. Nach der hochsommerlichen Hitze draußen fröstelt es uns in dem neuen russischen Schlafwagen (in Halle-Ammendorf gebaut), denn die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Soll man den für das kalte Sibirien gedachten Pullover herausholen? Zu tief unten im Rucksack! Nach einem reichhaltigen Abendessen erreichen wir um 23.15 Uhr Hannover, wo noch einmal zahlreiche Fahrgäste zusteigen. Mit nur noch 15 Minuten Verspätung verlassen wir Hannover und umfahren Berlin mitten in der Nacht auf dem südlichen Außenring, ohne es zu merken.

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Der 2. Tag - Umspurung in Brest

Die erste Nacht im Zug verläuft ruhig und ohne weitere Zwischenfälle, wir erwachen klebrig verschwitzt: Die Klimaanlage läuft nicht! Sollte die polnische Diesellok etwa nicht genug Strom liefern ? Nein, viel einfacher, unser Schlafwagenschaffner Andrej hatte sie einfach ausgestellt. Nach dem Frühstück und dem Durchqueren mehrerer Gewitterfronten erreichen wir pünktlich um 9.39 Uhr den Bahnhof Warszawa Wschodnia. Hier werden unserem Zug noch einige Kurswagen aus Wien, Szczecin und Praha beigestellt. So dass der D 241 jetzt aus folgenden Wagen besteht, an der Spitze eine EU 07 der PKP, gefolgt von zwei Schlafwagen aus Praha, einen Schlafwagen aus Szczecin, dem Schafwagen aus Wien, drei Schlafwagen aus Aachen und zwei Schlafwagen aus Brüssel, wovon einer nach St. Petersburg fährt. Wir machen unsere erste Reisebekanntschaft mit einem Österreicher. Haben wir bisher geglaubt ,dass unsere Tour kaum zu überbieten ist, werden wir von dem Österreicher gleich eines Besseren belehrt. Seine Tour führt ihn von Moskau durch Kasachstan über die erst seit ein paar Jahren in Betrieb befindlichen Strecke via Urumchi längs der Seidenstraße nach Peking und von dort nach Hongkong. Um 10.08 Uhr verlassen wir Warschau und erreichen über Siedlce den Bahnhof Terespol, wo die polnische Grenzkontrolle stattfindet. Die weißrussische Grenzkontrolle findet im Betriebsbahnhof Brest-Park Bug statt und verläuft ebenfalls ohne Probleme. Sogar ein wenig vor Plan erreichen wir den regelspurigen Teil von Brest Zentral , die sogenannte 'Warschauer Seite' des Inselbahnhofs. Wer nicht mit durch die Umspurung fahren will, kann hier aussteigen und sich bis zur Abfahrt im Breitspurteil die Stadt ansehen. Nachdem einige Reisende aussteigen, wird der nunmehr aus acht Wagen bestehende Zug für die Umspurung vorbereitet. Die regelspurige Diesellok am Schluss zieht den Zug zunächst einige hundert Meter zurück, um ihn von dort in die Umspurhalle zu drücken.. Zur Umspurung sind in der Halle drei Gleise vorhanden, wovon in der Regel aber nur zwei genutzt werden. Auf jedem Gleis finden vier von einander getrennte Wagen Platz. Während nicht nur der Österreicher - sondern auch die Fahrgäste der anderen Wagen, die Gleise unsicher machen, dürfen wir leider nicht aussteigen. Nachdem die Drehgestelle gelöst sind, werden die Wagen mit Hilfe von Schneckenzahnrädern an allen vier Enden um ca. 1,50 m in die Höhe geschraubt. Mit einer Spillanlage können die Drehgestelle vom vorderen Ende der Halle nach hinten herausgezogen werden, wobei gleichzeitig die Breitspurdrehgestelle unter die Wagen rollen. Bei dem in der Halle verlegtem Gleis handelt es sich nicht um ein Vierschienengleis, sondern um ein, wegen der nur 9 cm kleinen Differenz zwischen Breit- und Regelspur (je Seite also nur 4,5 cm) normales zweischieniges Gleis, welches so verlegt ist, dass sowohl Breit- als auch Regelspur- Drehgestelle es benützen können, ohne zu entgleisen. Es hat wahrscheinlich eine Spurweite von 1480 mm. Nachdem die Breitspurdrehgestelle ihren Platz gefunden haben, kann der Wagen wieder abgesenkt werden. Es wird übrigens nicht dem Zufall überlassen, welches Drehgestell zu unserem Wagen gehört. Jeder Wagen hat sein eigenes Breit- bzw. Regelspur-Drehgestell, was an einer an Wagen und Drehgestell befindlichen Nummer zu erkennen ist. Ein ziemlicher Aufwand also, wenn z.B. irgend wo ein Schadwagen ausgesetzt werden muss, dann stimmt dadurch die ganze Reihenfolge der Drehgestelle nicht mehr. Es muss also so etwas wie Umlaufpläne für Drehgestelle geben ! Zu guter Letzt werden die Hakenkupplungen gegen die russischen Automatikkupplungen getauscht. Nun können die Wagen, nachdem sie zusammenrangiert sind, die Halle am anderen Ende verlassen und in den Breitspurteil des Bahnhofs, die 'Moskauer Seite' , gezogen werden. Bis zur Abfahrt ist noch ein wenig Zeit, die Gelegenheit nutzen wir, um ein erstes Foto von der Weißrussischen Eisenbahn zumachen, zumal sich das Wetter deutlich verbessert hat. Mit einer TschS 4 an der Spitze verlassen wir um 18.10 Uhr Brest Zentr. Obwohl unser Zug jetzt wieder einen Speisewagen hat, verzichten wir auf einen Besuch, da wir noch reichlich eigenen Proviant haben. Als wir um 22 Uhr 15 die Weißrussische Hauptstadt Minsk erreichen, ist es bereits dunkel, dafür aber noch sehr warm. Weil dies die letzte Gelegenheit für heute ist, nutzen wir die 13 Minuten Aufenthalt, um uns die Füße vom vielen Sitzen zu vertreten.

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Der 3. Tag - Moskau

Auch diese Nacht verläuft ohne Zwischenfälle. Trotz eines zumindest optisch sehr guten Oberbaus, Betonschwellen und geschweißte Schienen, fährt unser Zug nur in einem etwas besserem Schritttempo. Er kann sicherlich gut über eine Stunde früher in Moskau sein, aber so treffen wir wenigsten auf die Sekunde pünktlich um 11.17 Uhr im Smolensker Bahnhof von Moskau ein. Der Bahnsteig ist völlig mit Menschen und deren Gepäck überfüllt. Infolgedessen dauert es eine Weile, bis wir uns zum Anfang des Bahnsteigs durchgewühlt haben. Wurden die Westtouristen hier früher von Intourist-Leuten abgeholt, erwartet uns Maja am Anfang des Bahnsteigs. Sie ist über Nacht mit dem Zug aus Nishnij-Nowgorod gekommen und hat sich bereit erklärt, uns während der nächsten 26 Tage zu begleiten. Udo hat von seiner letzten Moskau-Reise noch einige Chips für die Metro, so können wir uns ohne weitere Verzögerungen zur Metro-Station Bjelorusskaja begeben, um mit der Ringlinie zu unserem Hotel 'Ismailowo' Block Beta am Ismajlowskij Park zu gelangen. Der Waldpark Ismailowo gehört zu den euroopagrößten Parkanlagen. An der Hotelrezeption erfahren wir, dass die Zimmer zwar reserviert sind jedoch keine Fahrkarten nach Irkutsk hinterlegt wurden. Außer einer Telefonnummer haben wir nichts in der Hand und weil es Sonntag ist, hat es auch keinen Zweck dort an zurufen. Folglich bleibt uns nichts anderes übrig, als es morgen in der Frühe zu versuchen. Unsere Zimmer liegen im 22 Stock mit Blick auf den Fernsehturm Ostankino (533 m hoch) und den Güterinnenring. Dieser wird zu unserer Freude ca. alle 20 Minuten von einem schweren Güterzug, gezogen von einer 2M62, befahren - für den richtigen Sound ist also gesorgt. Weil wir Maja an diesem Tag nicht mehr benötigen, fährt Sie mit der Metro zu einer Freundin, um dort zu übernachten und wir haben den ganzen Nachmittag frei. Udo will unbedingt die Zeit nutzen, um die ihm noch fehlenden Bahnhöfe zu besuchen, wozu ich und Martin wiederum überhaupt keine Lust haben. Bevor wir aber zur Metrostation gehen machen wir uns an der Hotel eigenen Wechselstube, bei einem Kurs von 0,50€ zu 3250 Rubeln noch zu Millionären. Wenn ich schon mal in Moskau bin, möchte ich natürlich zumindest das Wichtigste sehen. Dazu gehört selbstverständlich: die Basilikus-Kathedrale, der Kreml und ein russisches Mc. Donalds. Wir fahren per Metro zum Platz der Revolution, schlendern über den Roten Platz, umrunden die Basilikus-Kathedrale. Erkaufen uns für 1000 Rubel die Eintrittsberechtigung für den Kreml (der Eintritt in den Wartesaal des Kiewer Bahnhofs sollte später das 4,6-fache kosten !) und müssen uns am Eingang strenger Sicherheitskontrollen unterziehen. Wir und unser Gepäck werden wie auf Flughäfen durchleuchtet. Hoffentlich überstehen meine Filme das unbeschadet ? Innen bestaunen wir neben den goldenen Kirchenkuppeln auch die Panzerspähwagen, die hier überall zum Schutz vor tschetschenischen Anschlägen in Stellung gegangen sind. Nach den Besichtigungen treffen wir auch den Österreicher in einer Straßengaststätte wieder, er will noch am selben Abend mit dem Zug über Alma-Ata nach Peking fahren. Nach dem verspäteten Mittagessen im überfüllten McDonalds (es ist mittlerweile 16 Uhr ) pilgern wir über den Arbat hinunter zur Moskwa , wo eine Metrolinie den Fluss auf einer Brücke überquert (sonst kreuzen fast alle Linien den Fluss im Tunnel). Das ist uns einige Fotos wert, zumal das 'Weiße Haus' im Hintergrund in der Sonne leuchtet. Die schwarzen Spuren des Oktober-Putsches sind natürlich längst beseitigt worden. In der Nähe der Borodino Brücke befindet sich der Kiewer Bahnhof welchen wir Udo zuliebe auch noch besichtigen. Am Kiewer Bahnhof bezahlen wir erst mal den (für russische Verhältnisse ) horrenden Eintritt, um in den Wartesaal zu gelangen - wir hätten auch außen herumgehen können !. Um das Gebäude herum gelangen wir endlich zu den Bahnsteigen, wo wir von dem ersten Lenin Denkmal begrüßt werden. Der Kiewer Bahnhof ist glaube ich der einzige Bahnhof von Moskau, der eine Halle besitzt. Wir fotografieren einen einlaufenden Zug aus Sofia und wundern uns über das Spruchband ' 50 Jahre Sieg ' an der Lok. Auf dem Rückweg ins Hotel wollen wir natürlich mit der Metro über die Brücke fahren, aber wir warten vergeblich auf das Tageslicht: Wir haben die falsche Linie genommen! Wieder im Hotel angekommen, erhält Udo einen Anruf, wodurch wir erfahren, dass wir am nächsten Morgen entweder um 11 Uhr im Hotel oder um 9 Uhr in einem Büro in der Innenstadt unsere Fahrkarten abholen können. Weil uns 11 Uhr im Hotel zu knapp ist, entscheiden wir uns am nächsten Morgen das Büro aufzusuchen. Nach dieser guten Nachricht gehen wir erleichtert zum Abendessen ins Restaurant des Hotels, wobei wir einige Schwierigkeiten haben, auf der russischen Speisekarte etwas Bekanntes zu finden.

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Der 4. Tag - Abfahrt in Moskau

Nach dem Intourist-Frühstück treffen wir uns mit Maja im Hotel. Das Gepäck können wir bis zur Abfahrt am Mittag im Hotelzimmer deponieren. Wir entscheiden uns, sofort die besagte Adresse in der Innenstadt aufzusuchen. An die Fahrkarten zu kommen, ist jetzt erst einmal das Wichtigste. Mit der Metro fahren wir in die Stadt, nach einigem suchen finden wir auch tatsächlich die Straße. Hinter einer etwas heruntergekommenen Fassade versteckt sich ein hochmodern eingerichtetes Büro, ausgerüstet mit allem, was man so braucht. Nachdem die Fahrkarten von uns sichergestellt werden, besorgen wir uns noch ein wenig Reiseproviant für die nächsten Tage. Inzwischen ist es Mittag und es wird Zeit, das Gepäck aus dem Hotel zu holen. Vom Hotel fahren wir mit der Metro zum Jaroslawler Bahnhof. Von diesem Bahnhof fahren die Züge in den 'Fernen Osten' und nach Wladiwostok. Um 14.15 Uhr wird unser Zug Nr. 2 'Rossija' hier abfahren. Auf dem Bahnhof dasselbe Bild wie tags zuvor auf dem Smolensker Bahnhof; ein dichtes Gedränge von Menschen mit zum Teil abenteuerlichen Gepäckbergen. Abfahrt des 'Rossija' von Gleis 3. Aber weil er noch nicht bereitgestellt ist, bleibt noch ein wenig Zeit sich umzusehen. Udo passt aufs Gepäck auf, Maja und Martin besorgen noch einen Besenstiel und ich sehe mir die Bahnhöfe etwas näher an. Drei der insgesamt neun Bahnhöfe Moskaus gruppieren sich um die schönste aller Metrostationen, die Komsomolskaja. Vom Leningrader Bahnhof, dem ältesten, fahren die Züge nach St. Petersburg und ins Baltikum. Vom Kasanski Woksal fahren die Züge nach Mittelasien oder nach Alma-Ata. Nach ca. 30 Minuten kehre ich zurück und unser Zug ist bereitgestellt. Immerhin 18 Wagen, wir haben den zweiten Wagen, so dauert es, bis wir unseren - fast einen halben Kilometer entfernten Wagen an der Spitze erreicht haben. Nach dem Vorzeigen unserer Fahrscheine und Pässe können wir unser Heim für die nächsten 5 Tage betreten. Wir haben das zweite Abteil, Zug 2, Wagen 2 und Abteil 2 ,wenn das kein Zufall ist! Der Wagen ist mir gleich sympathisch, nicht nur weil es sich um ein deutsches Qualitätsprodukt aus Halle-Ammendorf handelt sondern der ganze Wagen Nichtraucher ist. Drinnen erwartet uns ein mit Tee und Gebäck gedeckter Tisch. Nachdem wir das Gepäck verstaut haben, geht es auch schon los. Pünktlich um 14.15 Uhr verlässt der Zug Nr. 2 den Jaroslawler Bahnhof von Moskau in Richtung Wladiwostok. Nachdem der Schlafwagenschaffner die Fahrkarten eingesammelt hat, machen wir es uns in unserer 2-mal-2-Meter-Kabine bequem. Als erstes muss die Gardine vorm Abteilfenster dran glauben und wandert ins obere Gepäckfach. Wir wollen schließlich draußen etwas sehen und nicht die Gardine. Trotz der vier Betten kann man sich nicht den Kopf stoßen und die Betten sind angenehm hart. Ich und Maja entschließen uns auf dieser Etappe für die oberen Liegen, Martin und Udo die unteren. Für 10 000 Rubel bekommen wir beim Schlafwagenpersonal außer Bettwäsche noch zwei Handtücher und ein Stück Seife. Gezogen von einer Lok der Baureihe TschS 7 durchfahren wir den Goldenen Ring um Moskau, der wegen seiner zahlreichen goldenen Kirchenkuppeln so heißt. Nach einem kurzen Halt in Jaroslawl soll wenig später die Wolga überquert werden. Nun sind die Wagen aber klimatisiert und die Fenster lassen sich deswegen nicht öffnen. Es wird also Zeit, dass Maja das Schlafwagenpersonal von unserem Eisenbahn-Tick informiert verbunden mit der Hoffnung, dass wir bei besonderen Anlässen wenigstens ein Fenster zum Fotografieren öffnen können. Mit Hilfe von meinen Eisenbahnfotos gelingt Ihr das auch, noch bevor wir die Wolga- Brücke erreichen. Bis Danilow leisten wir uns ein Wettrennen mit einem Schnellzug nach Workuta, den wir auf jeder Station wieder einholen und gelegentlich überholen. Dort angekommen haben wir unseren ersten Lokwechsel, ab hier übernimmt eine Wechselstrom Lok der Baureihe TschS 4 den Rossija. Wir machen erste Erfahrungen mit unserem Abteilnachbar, einem allein reisenden älteren Herrn, der schon einige Wodkas intus hatte. Er hat wohl mitbekommen, dass wir deutsch sprechen und weil er auch etwas Deutsch kann, erkundigt er sich bei jedem Zughalt bei uns , ob das schon die Station Perm sei. Von ihm erhält Maja ihren ersten Heiratsantrag, na das kann ja noch lustig werden. Zu diesem Zeitpunkt sind wir immerhin noch über 1000 Kilometer von Perm entfernt. Seine freundlichen Einladungen zum Mittrinken schlagen wir aus. Wir wollen schließlich die Transsib. bei vollem Bewusstsein befahren. Neben der normalen Verriegelung durch Türschloss und Sperrbolzen will ich heute Abend die von mir mitgebrachte Kette zur Sicherung des Abteils testen. Alle erhalten daher von mir einen Schlüssel, um im Notfall die Schlösser öffnen zu können. Die Kette wickle ich um den Türgriff und die Trittstufe für das obere Bett und verschieße es gleich mit vier Vorhängeschlössern.

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Der 5. Tag - (Abenteuer Speisewagen)

 
Spätestens als der Zug gegen 6 Uhr im Bahnhof von Kirow einfährt, müssen wir die Uhr eine Stunde vorstellen. Denn die Eisenbahn fährt grundsätzlich nach Moskauer Zeit, von nun an müssen wir mit zwei Uhrzeiten rechnen. Das Wetter ist über Nacht leider wieder schlechter geworden, viele Wolken bedecken den Himmel, aber wenigstens regnet es nicht. In Balezino gibt es endlich mal einen Lokwechsel. Der erste nach 837 km und somit Gelegenheit einmal den Zug abzulaufen.Man hat einige Probleme, die TschS 4 abzukuppeln und das trotz einer automatischen Kupplung (Ak.). Erst nach mehrmaligen stoßen gegen die Wagen gelingt es, die Kupplung zu lösen. Ich frage mich sowieso, warum hier eine Ak. verwendet wird, geht der ganze Vorgang doch auch nicht schneller als bei uns. Die Bremsschläuche, die Elektrik als auch das Entriegeln der Kupplung selbst, werden immer noch von Hand gemacht. Der einzige Vorteil wird wohl in der höheren Belastbarkeit liegen, bis zu 8000 Tonnen kann angeblich so eine Ak. ziehen. Eine hochmoderne Gleichstrom Lok der Baureihe TschS 7 übernimmt ab jetzt unseren Zug. Etwas merkwürdig ist es schon, außer einer Gruppe Niederländer am anderen Ende des Zuges, sind wir drei die einzigen Westtouristen im ganzen Zug. Die Niederländer, es dürfen so um die 12 sein, wollen wohl in Sibirien Trekking machen, zumindest steht so etwas auf ihren T-Shirts. Nachdem unser Abteilnachbar sich den ganzen Vormittag bei uns nach der Ankunft in Perm erkundigt, hat er es am Mittag endlich geschafft, Perm ist erreicht. Hier findet kein Lokwechsel statt ,dafür wird aber das Wasser in den Wagen aufgefüllt und nach rund 35 Minuten kann die Fahrt fortgesetzt werden. Vom Speisewagen bemerken wir zuerst nur den mobilen Verkäufer mit seinem Korb. Beim ihm kann man neben Keksen, Limonade, Pepsi-Cola auch italienischen Sekt kaufen. Zur Abwechslung des Speiseplans, werden wir heute Mittag mal das Zugrestaurant aufsuchen. Haben wir doch bis jetzt ausschließlich von unseren Vorräten gelebt. Udo erklärt sich einstweilen bereit das Abteil zu beaufsichtigen. Das Abenteuerlichste am Essensgang sind die Übergänge zwischen den Waggons. Hinter den schweren Eisentüren erwartet einem jedes Mal ein neuer Geruch. Wir können daran schon fast erkennen, in welcher Klasse wir uns jetzt befinden. Der Restaurantwagen läuft nur 3 Wagen hinter uns, so sind wir in wenigen Minuten dort. Haben wir vor Beginn der Reise große Hoffnung in die Verpflegung durch den Speisewagen gesetzt werden wir hier doch ziemlich enttäuscht. Der ganze Wagen gleicht eher einem Lagerhaus auf Rädern, Essen wird hier so gerade noch geduldet. Sowohl der Eingangsbereich als auch einige Tische und Bänke sind bis unter die Decke mit Kisten bepackt. Soweit zu erkennen ist, sind sie gefüllt mit Konservendosen und anderen Lebensmitteln. In einer Ecke spielen zwei Typen in Trainingsanzügen Schach, die Gardinen sind alle zugezogen, so dass es ziemlich finster im Wagen ist. Dementsprechend einfach fällt das Essen aus, Borschtsch dazu Brot, halbes Hähnchen und Salat. Immerhin können wir zwischen drei Sorten von Salat wählen; Tomatensalat, Gurkensalat und Tomatengurkensalat. Eigentlich sollen wir jetzt durch den Ural fahren, aber im Vergleich, zu dem was uns bisher geboten wird, ist das Sauerland das reinste Hochgebirge. Die Berge erreichen in dieser Region nur selten Höhen von über 800m. Kurz vor Jekaterinburg (dem früheren Swerdlowsk) muss natürlich der Obelisk fotografiert werden, der dort bei km 1777 die Grenze von Europa markiert. Genau 4224 km von Neheim-Hüsten entfernt, verlassen wir Europa. Von nun an sind wir für die nächsten drei Wochen in Asien und damit bereits jenseits des Ural, der bekanntlich die natürliche Grenze zwischen Europa und Asien bildet. Inzwischen ist es dunkel geworden, in Jekaterinburg gibt es noch mal einen Lokwechsel, von jetzt fahren wir mit einer TschS 2 weiter. Warum hier eine Gleichstrom Lok gegen eine Gleichstrom Lok getauscht wird, bleibt leider ein Geheimnis der russischen Eisenbahn.

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Der 6. Tag - (Adler)

Uns drei lässt die Tatsache ja ziemlich kalt, dass wir am Morgen in Nazywajewsk eine andere Gleichstromlok vorm Zug haben. Udo jedoch hat keine Ruhe mehr, bedeutet dies doch, dass irgendwo in der Nacht ein Lokwechsel stattgefunden haben muss, vielleicht in Tjumen ? Auf jeden Fall ist jetzt eine TschS 2 vorm Zug, der selbe Typ wie gestern in Jekaterinburg. Gegen halb elf überqueren wir den Irtysch. Uns fällt auf, dass an allen Flussbrücken die Richtungsgleise der zweigleisigen Transsib über eingleisige voneinander getrennte Brücken geführt werden. Über den Grund braucht man nicht lange nachzudenken, ist doch jeder Brückenkopf mit Stacheldraht umzäunt und mit Wachposten versehen. Kurz darauf erreichen wir Omsk, die Stadt im Grünen, wie sie auch genannt wird. Hier findet jedoch kein Lokwechsel statt, dafür werden die Wagen wieder mit Wasser betankt. Ab hier befahren wir den Abschnitt der Transsib. mit der höchsten Zugdichte, ungefähr alle 15 Minuten begegnet uns jetzt ein kilometerlanger Güterzug, der für 30 bis 40 Sekunden die Sicht nach Norden verhindert. Unterdessen hat sich unsere Anwesenheit auch im ersten Wagen herumgesprochen. Denn auf einmal stand er in der Tür, er, den sie hier alle Adler nennen. Angeblich hat er seinerzeit in Vietnam und Kuba gekämpft, eine Art russischer 'RAMBO', zumindest scheint er sich so zu fühlen! Er dient als Oberst beim Militär und ist auf den Weg nach Chabarowsk zu seinem neuen Dienstort. Adler ist aber nicht alleine, nein, er hat noch zwei seiner besten Freunde mitgebracht; einen Kameraden und eine Flasche Wodka. Von dem Wodka müssen beide aber schon reichlich genossen haben. Nachdem sie sich bei uns niedergelassen haben, werden wir sie auch so schnell nicht wieder los. Mit dem Soldaten kann man ja noch einigermaßen vernünftig reden, zum Beispiel über den Krieg in Tschetschenien interessiert ihn unsere Meinung. Adler drängt uns hingegen immer wieder zum Wodka trinken, welches wir aber dankend ablehnen. Indessen hat er mehr Wodka auf den Boden geschüttet als in sich hinein, ist halt ziemlich schwer den kleinen Flaschendeckel zu treffen. Als er Maja gegenüber ein unzweifelhaftes Angebot macht, wird es doch recht peinlich. Ist schon verrückt, wir sind erst sechs Tage unterwegs und wer weiß was uns noch alles erwartet. Diese missliche Lage haben auch Sergej und seine Frau Galina unsere Schlafwagenschaffner (auf Russisch Prowodnik) mitbekommen. Um die Lage zu entspannen gibt er eine runde Tee aus, den zumindest wir vier dankend annehmen. Ich mit einen Glas Tee in der Hand, der Soldat mit einem 'Deckel' Rand voll Wodka, trinken wir Brüderschaft auf Russland, Deutschland und die Freundschaft. Die Rettung naht am Nachmittag in Barabinsk, 15 Minuten Aufenthalt, noch nie haben wir uns so auf einen Lokwechsel gefreut. Der Zug ist noch nicht ganz zum Stehen gekommen, da sind wir auch schon ausgestiegen. Schon wieder eine Gleichstrom-Lok, zudem noch vom selben Typ. Man kann glauben, die wechseln die Lok nur zum Spaß oder nur weil hier der Oblast Omsk endet und der Oblast Nowosibirsk beginnt. Das währe ungefähr so, als wenn in Deutschland zum Beispiel an der Landesgrenze zu Bayern die Lok gewechselt wird. Wir nähern uns gerade dem Höhepunkt des Abends, die Überquerung des Ob vor Nowosibirsk. Da ist er auch schon wieder da - Adler diesmal mit einem anderen Kameraden. Um zu vermeiden, dass es wieder so ausartet wie am Nachmittag, macht Maja ihm klar, dass wir wichtige Arbeiten zu erledigen haben und er uns auf keinen Fall stören darf. Oh welch Wunder ,das hat selbst Adler begriffen, unverrichteter Dinge ziehen die beiden wieder ab, auf der Suche nach einem neuen Opfer. Zu unserer Überraschung ist am Ob die Brücke des Gegengleises schon länger außer Betrieb, wenige Minuten später laufen wir in den Bahnhof von Nowosibirsk ein. Nowosibirsk, auch Chicago Sibiriens genannt, hat rund 1½ Millionen Einwohner. Ein Drittel der Transsib. liegt nun bereits hinter uns. Es regnet, daher halte ich mich nicht lange draußen auf. Adler und sein Kumpan laufen auf Badesandalen durch die Pfützen, um schnell am Kiosk ihre Wodkavorräte zu ergänzen. Auf der Rückfahrt werde ich noch Gelegenheit genug haben, mir den größten Bahnhof Russlands anzusehen. Habe ich in den vergangen Nächten noch meine Ohropax benutzt, werde ich es in dieser Nacht mal ohne versuchen.

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Der 7. Tag - Im Rossija

Auch ohne Ohropax habe ich hervorragend schlafen können. Ein Abenteuer der ganz besonderen Art ist das all morgendliche Waschen auf der Toilette, das Waschbecken ist ziemlich klein und hat eine Dreiecksform. Will ich Wasser haben, muss ich einen Nippel nach oben drücken, nach unten wäre es entschieden einfacher gewesen. Eine Hand muss also ständig den Nippel nach oben drücken, während ich mit der anderen versuche mich zu waschen. Ganz kompliziert wir es, wenn ich mir zum Beispiel die Füße waschen will, was nur mit einigen waghalsigen Verrenkungen möglich ist. Wie froh sind wir daher, dass wir die Toilette von Sergej und Galina benutzen dürfen, denn dort hat man das Problem erkannt und kurzerhand den ganzen Wasserhahn mit Nippel abgeschraubt. In der Regel sind die zweiten WC für die Schaffner zugesperrt. Gut, dass wir auch an Toilettenpapier gedacht haben, sieht es doch so aus, als ob eine Rolle für die ganze Transsib. reichen muss. Ausnahme auch hier wieder die Toilette der Prowodnik, wo immer genügend Papier vorhanden ist. Aber dies Problem ist nicht ganz neu, bestand doch auch seinerzeit in der DDR und CSFR ein akuter Toilettenpapier Mangel. Der Tag heute wird nur 22 Stunden lang sein, müssen wir die Uhr doch gleich zwei- mal um je eine Stunde vor stellen. Wir sind damit bereits 7 Zeitzonen von Deutschland entfernt. Gegen 10 Uhr erreichen wir Krasnojarsk, es findet aber kein Lokwechsel statt, obwohl es sich um einen sehr großen und wichtigen Bahnknoten handelt. Wie auf fast jedem Bahnhof mit längerem Aufenthalt, werden auch hier die Bremsklötze und die Achsenlager der Wagen von je einem Eisenbahnern pro Wagenseite überprüft. Dies geschieht mit einem langen Hammer, der, wenn er zum Beispiel gegen das Achsenlager geschlagen wird, einen bestimmten Klang verursacht. Das geübte Ohr kann daran sofort erkennen, ob das Lager heiß gelaufen ist oder nicht. Nach 20 Minuten geht es auch schon wieder weiter, Unmittelbar nach Verlassen des Bahnhofs überfahren wir auf einer langen zweigleisigen Brücke den Jenisej. Die Landschaft wird merklich hügliger und ist stark bewaldet. Ab und zu fragen wir uns, was sich wohl weiter südlich auf diesem Längengrad befindet, haben wir Indien schon 'überquert' oder sind wir noch über Pakistan. Das nächste Mal, so sagen wir uns, muss auf jeden Fall ein Globus mit ins Gepäck. Am besten einer zum Aufblasen, den wir dann im Abteil unter die Decke hängen können. In Ilanskaja gibt es schließlich nach 11 Stunden mal wieder einen Lokwechsel, hat uns seit Marijnsk eine WL 60 (WL steht für Wladimir Lenin) gezogen. So übernimmt uns hier ein 'Weißer Riese', nicht nur wegen der Baureihe WL 65 sondern auch wegen der Laufnummer 007 muss es etwas Besonderes sein. Endlich haben wir auch Zeit, unser Fensterputzzeug zu testen, bewaffnetet mit Besenstiel, Schrubber und Sidolin-Streifenfrei rückt Martin der Scheibe zu Leibe. Diese Aktion sorgt natürlich für einiges Aufsehen, so dauert es nicht lange, bis die Prowodniks der anderen Wagen ankommen und Martin bitten auch bei ihnen die Fester zu putzen. Zum Glück hält der Zug nur 20 Minuten und mit einem sauberen Fenster setzen wir die Fahrt fort. Nun wird auch die Landschaft interessanter in zahlreichen Kurven, teils einem Flusslauf folgend, teils aber auch an einem Bergrücken entlang geht es weiter Richtung Osten. In Taischet, das wir um 18.04 Uhr erreichen, zweigt die BAM ab, welche wir ja auch noch befahren werden. Ab jetzt gilt wieder erhöhte Aufmerksamkeit, denn hier werden wir auf dem Rückweg nicht entlangfahren. Während Madonna aus dem Zuglautsprecher 'Deeper and Deeper' singt, fahren wir in die letzte Nacht vor Irkutsk hinein. 

 

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Der 8. Tag - Bajkalringbahn

Irkutsk liegt 5191 km von Moskau und 7638 km von Neheim-Hüsten entfernt. Bei heftigem Regenschauer kommen wir um 5.37 Uhr im Bahnhof zum Stehen. Entgegen den Abmachungen mit Lernidee werden wir nicht von einem Intourist- Mitarbeiter erwartet. So suchen wir erst einmal im Bahnhof Schutz vor dem Regen. Bestellt haben wir für heute eine Fahrt mit dem Raketenboot nach Listwjanka und dort eine Übernachtung im Hotel Bajkal. In der Hoffnung am nächsten Morgen mit dem Zug von Bajkal, welches auf der anderen Seite von Listwjanka liegt, nach Sljudjanka fahren zu können. Nur wissen wir weder, wann noch ob überhaupt ein Zug von Bajkal nach Sljudjanka fährt. Udo und Maja erkundigen sich daher bei der Auskunft nach dem Fahrplan, Martin und ich bleiben solange beim Gepäck. Mit der Privatisierung ist man in Russland weiter als bei der DB-AG. So wie es aussieht gibt es je einen Geschäftsbereich (GB) für den Fern- und Nahverkehr. Informationen und Fahrkarten für den Nahverkehr, bekommt man somit ausschließlich beim GB-Nahverkehr. Die Informationen, die wir benötigen, fallen darunter. Während ich so warte, steht er auf einmal vor mir; zumindest kann man das glauben - Dshings-Kahn persönlich. In dieser Uniform zum nächsten Karneval, das ist es. Nach fast einer halben Stunde kommen die beiden ziemlich frustriert zurück, liegt doch der Infoschalter des 'GB-Nahverkehr' in einem ganz anderem Bahnhofsteil. Wie Maja uns berichtet, ist man dort nicht besonders freundlich gewesen. Nur durch Hartnäckigkeit ließ sich die Frau hinter dem Schalter dazu bewegen, sich nach dem von uns gewünschten Fahrplan zu erkundigen. Aber Hauptsache, wir haben einen. Nach dessen Auswertung bleibt uns nicht anderes übrig, sofern wir die Bajkalringbahn überhaupt noch befahren wollen, als den ursprünglichen Plan umzudrehen. Der Zug von Bajkal nach Sljudjanka fährt nämlich um 2 Uhr in der Nacht und der Zug von Sljudjanka nach Bajkal soll hingegen um 16 Uhr fahren. Wir haben fast drei Stunden Zeit bis unsere Elektritschka nach Sljudjanka fährt. Es regnet immer noch heftig, deshalb fahren wir mit dem Taxi zum Hotel 'Intourist', welches direkt an der Angara liegt. Hier werden wir am nächsten Abend übernachten. Dort befindet sich auch ein Büro von Intourist. Nachdem die Intourist-Mitarbeiterin erscheint, wird unsere weitere Reise bis Wladiwostok bestätigt. Die Fahrkarte nach Wladiwostok wird uns für den kommenden Tag zugesagt. Weil wir das Raketenboot jetzt in umgekehrter Richtung benutzen werden, bekommen wir sogar Bargeld, um uns die Tickets selber zukaufen. Für einen Moment hat es aufgehört zu regnen. Somit fahren wir per Straßenbahn zum Bahnhof zurück - hier gibt es sogar richtige Tageskarten! Auf dem Bahnhof werden von Maja noch schnell für ein paar Tausend Rubel die Fahrkarten nach Sljudjanka gekauft und dann nichts wie auf den Bahnsteig. Die Elektritschka versprach voll zu werden, nur mit Glück bekommen wir Plätze auf den Holzbänken. Während der Fahrt durch die Berge lässt auch der zwischenzeitlich wieder eingesetzte Regen nach. Etwa drei Stunden später erreichen wir Sljudjanka am Südende des Bajkalsees. Erleichtert stellen wir fest, dass tatsächlich um 16.00 Uhr ein Zug nach Port Bajkal fährt. Weniger schön ist jedoch die Fahrzeit von 5 Stunden für ganze 94 km. Das bedeutet; Ankunft im Bahnhof von Bajkal gegen 21.00 Uhr. Unsere Hotel befindet sich jedoch in Listwjanka, am gegenüber liegenden Ufer der Angara. Ob es um die Zeit noch eine Fähre über den Fluss gibt ? Bis zur Abfahrt sind noch 3 ½ Stunden Zeit. Nachdem wir unser Gepäck ins Schließfach getan haben, statten wir der örtlichen Bahnhofsgastronomie einen Besuch ab. Es gibt trockene Pelmeni und dazu eine Limo. Wir sind fast mit dem nicht gerade opulentem Essen fertig, als auf Gleis 3 der Zug von Peking nach Moskau einfährt, der hier wegen des Lokwechsels 30 Minuten Aufenthalt hat. Genügend Zeit ein paar Fotos zu machen und sich den Zug genauer anzusehen. Zahlreiche Chinesen füllen ihre Reisekasse auf, indem sie ADIDAS-Klamotten an die auf dem Bahnsteig wartende Bevölkerung verkaufen. Nach der Abfahrt des Pekinger Zuges wird auf Gleis 2 unsere Wagengarnitur nach Port Bajkal bereitgestellt. Bestehend aus einem Packwagen und zwei Wagen der 'Harten Klasse'. Zutritt nur mit Fahrschein, die jedoch hat Maja und die ist wiederum mit Martin in den Ort gegangen, um sich dort bei einem Telegrafenamt per Telefon in Listwjanka nach dem Verkehren einer Fähre über die Angara zu erkundigen. Also warten, - ein alter blinder Russe versucht als 'Jungunternehmer' ein paar Rubel hinzu zuverdienen, indem er ständig Gedichte aufsagt und dabei den Bahnsteig abtastend rauf und runter geht. Auf einem Gleis des Güterbahnhofes steht eine dieser 'Rollenden Pipelines', gebildet aus achtachsigen Kesselwagen mit einem Fassungsvermögen von 120 Tonnen. Inzwischen steigt die Zahl der Reisenden für unseren Zug bedrohlich an. Udo sieht sich schon um den sicher geglaubten Fensterplatz gebracht. Endlich - kommen auch Maja und Martin von Ihrer leider erfolglosen Mission zurück. Das Innere der 'harten Klasse' erinnert mich ein wenig an den Schlafsaal einer Jugendherberge. Lange Reihen von je sechs quer, drei hoch und zwei längs der Fahrtrichtung gestellter, babyblauer kunstleder Pritschen. Acht dieser Pritschen bilden eine Einheit, die zwar durch eine dünne Trennwand aus Sperrholz von den anderen abgeteilt, zum seitlichen Gang hin jedoch offen ist. Wir bekommen gerade noch die letzten Fensterplätze. Obwohl sich mittlerweile auch die Lok eine TEM2 vor unseren Zug gesetzt hat und die Abfahrzeit bereits überschritten ist, tut sich nichts. Statt dessen werden wir von einem Fernzug nach dem anderen überholt. Mit gut 55 Minuten Verspätung setzt sich der Personenzug mit Güterbeförderung (PmG) 953 schließlich in Bewegung, aber nicht weit, bereits im Güterbahnhof von Kultuk stehen wir bereits wieder. Hier werden einige Kesselwagen angehängt. Also schnell raus zum Fotografieren. In einem ständigen Stop and Go geht es weiter Richtung Port Bajkal immer direkt am Ufer des Sees entlang. Im Zug versucht eine etwas in die Jahre gekommene Frau, die bereits reichlich Wodka gebunkert hat, durch Singen etwas Geld zu verdienen. Nächster Halt ist Marituj - ungefähr die Hälfte der Strecke liegt hinter uns, auch hier das gleiche Schauspiel. Noch immer ist die Schiene hier Mittelpunkt des Lebens in den Dörfern und Siedlungen. Bei Ankunft des Zuges treffen sich alle Einwohner der Siedlung auf dem Bahnhof, um sich mit Brot, Fleisch und anderen Lebensmitteln einzudecken, die in unserem Packwagen mit geführt werden. Die gesamte Versorgung der an der Strecke wohnenden Menschen erfolgt ausschließlich mit diesem einen Zug. Ein kurzer Pfiff der Lok, weiter geht es durch insgesamt über 50 Tunnel und Brücken. Der Zug hält überall, wo einige Bohlen und Bretter einen Bahnsteig andeuten. Wer dort steht, wird mitgenommen. Bei einbrechender Dämmerung kurz vor 22.00 Uhr erreichen wir Port Bajkal. Dort können wir unseren Augen nicht trauen, steht doch auf einem Nebengleis der historische Orient-Express aus der Schweiz. Während wir die obligatorischen Fotos machen, ist Maja schon auf der Suche nach einer Fähre. Sie findet auch ein Schiff, es ist allerdings keine Fähre, sondern mehr ein Kutter mit dem Namen 'Neptun'. Die Besatzung ist freilich schon ein wenig betrunken, aber das ist uns auch egal. Hauptsache, wir kommen noch in unser bereits bezahltes Hotel, welches wir schon am anderen Ufer sehen können. Die beiden Matrosen meinten nur, dass man für vier Personen nicht fahren werde. Es wird dann aber doch noch ein Preis von 200 000 Rubeln genannt, der uns aber zu hoch erscheint, so werden wir uns erst einmal nach einem anderen Schiff umsehen. Dies ist zu so später Stunde jedoch erfolglos. Also wieder zurück, mit der Befürchtung, dass der Preis jetzt noch höher ist, aber siehe da - welch Wunder- nach Einschaltung der Besitzerin kostet es nur noch 50 000 Rubel. Wie heißt es doch bei Chris de Burgh 'Don’t pay the Ferryman'. Da gilt es sofort zugreifen und schon kann es los gehen. Trotz des Wodkas fährt der Kapitän erstaunlich gerade und nach knapp 10 Minuten erreichen wir sogar das andere Ufer. Unmittelbar unterhalb des Hotel legen wir an. Der Aufstieg zum Hotel ist nur noch eine Kleinigkeit. Das Hotel heißt 'Bajkal', obwohl es bereits über zehn Jahre alt ist, ist es in einen sehr guten Zustand. Wer lacht uns da im Foyer des Hotels an - Helmut Kohl und Boris Jelzin, die sich vor zwei Jahren in diesem Hotel getroffen hatten. Nach dem Einchecken wollen wir aber nur noch das Bett sehen.

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Der 9. Tag - Irkutsk

Der Morgen beginnt mit einer kalten Dusche und setzt sich mit einem Intourist -Frühstück fort. Das Wetter hat sich gegenüber gestern enorm verbessert, es ist kalt aber sonnig. Wegen der doch recht großen Entfernung zum Ort, fahren wir mit einem Intourist Bus, zum Hafen von Listwjanka. Als erstes muss herausgefunden werden, wann das nächste Raketenboot nach Irkutsk fährt. Das ist leichter gesagt als getan, denn es gibt weder einen verlässlichen Fahrplan noch eine Auskunft. Ein Bus fährt sofort, aber wer fährt schon Bus. Gegen 10.50 legt ein vollbesetztes Raketenboot aus Irkutsk an. Erst etwas unschlüssig, bitten wir Maja mal nachzufragen, ob dies das Boot ist, welches um 12.20 Uhr nach Irkutsk fahren soll. Dem ist so, also nichts wie einsteigen. Ist doch eine Fahrt bei so gutem Wetter über den Bajkalsee genau das Richtige. In der Siedlung Goloustnoe östlich von Listwjanka steigen alle aus und fast niemand ein. Ist es doch Samstag und viele Irkutsker haben hier eine Datscha und nutzen das schöne Wetter, um das Wochenende hier zu verbringen. Auf der Rückfahrt haben wir das ganze Raketenboot fast für uns alleine, auch in Listwjanka will niemand zusteigen. Etwa drei Stunden später erreichen wir gut erholt mit dem Tragflügelboot den Hafen von Irkutsk, direkt an der Staumauer der Angara gelegen. Um den Rest des Tages unbeschwert genießen zu können, führt unser erster Weg zum Hotel Intourist, welches wir mittels Trolleybus erreichen. Nach dem Bezug der Zimmer im fünften Stock, mit Blick auf Angara und Bahnhof gehen wir zum Mittagessen ins Hotel Restaurant. Das Restaurant ist sehr nobel eingerichtet, die Speisekarte aber nicht um so umfangreicher. Anschließend nehmen wir uns vor, den Angara-Staudamm zu besichtigen, welchen wir mit dem Bus erreichen. Martin und Maja wollen sich die Stadt ansehen, unterdessen wird von Udo und mir das Straßenbahnnetz in Angriff genommen. Es gibt hier vier Streckenäste und eine Innerstädtische Ringlinie. Wir kaufen uns für 1500 Rubel eine Tageskarte für die Tram. Die Tageskarte bekommen wir an kleinen Verkaufsbuden, die an fast allen Haltestellen vorhanden sind. Der Salat vom heutigen Mittagessen war wohl nicht mehr ganz frisch, auf jedem Fall kommt der Salat, bevor ich die letzte Linie befahren kann wieder raus. Ärgerlich aber nicht zu ändern, ich muss die Straßenbahn-Rundfahrt vorzeitig abbrechen. Ins Hotel zurück gekehrt verordne ich mir sofortige Bettruhe.

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Der 10. Tag - Rossija Teil 2.

Vier Uhr dreißig: Zeit zum Aufstehen, um 5.57 Uhr soll unser Zug nach Wladiwostok abfahren. Mir geht es immer noch nicht besser und das trotz Aspirin. Ziemlich benommen krame ich meine Sachen und das am Abend zuvor bestellte Lunchpaket zusammen. Maja, Udo und Martin sind schon fertig, zum Bahnhof fahren wir mit einem Auto von Intourist. Die Straßenbahn hat ihren Betrieb an diesem Sonntag morgen noch nicht aufgenommen. Wenige Minuten nach unserer Ankunft auf dem Bahnsteig fährt der 'Rossija' ein. Ist dass nun Zufall oder nicht, wir haben wieder Wagen 2, Abteil 2 im Zug Nr. 2. Natürlich verlassen wir auch Irkutsk pünktlich. Maja bitten wir Sascha, unserem Prowodnik, der Tagesschicht zu erklären warum wir das Fenster gerne öffnen würden. Gleich hinter dem Bahnhof steigt die Stecke kräftig an. Im Grunde handelt es sich hier ja um eine Neubaustrecke, wurde der Abschnitt bis Sljudjanka doch erst Mitte der fünfziger Jahre gebaut. Im starken Gefälle durchfahren wir kurz vorm Bahnhof Kultuk nach ca. 7900 km den ersten Tunnel. Die müssen wohl Angst haben, dass ihnen jemand den Tunnel klaut. Wird er doch von einer Frau mit einer Kalaschnikow bewacht. Durch Nebelschwaden kämpfend nähern wir uns zum vorerst letzten Mal dem Bajkalsee. In Sljudjanka ist für heute der erste Lokwechsel angesagt und der letzte von Gleich- auf Wechselstrom. Ab hier fahren wir mit einer Doppellok vom Typ WL 60 weiter. Zu unserer Überraschung läuft am Schluss ein Nordkoreanischer Wagen nach Pjöngjang mit. Wer dort wohl freiwillig hinfährt ? Der Nebel hat sich zwischenzeitlich aufgelöst, bei schönstem Wetter geht es noch einmal mehrere Stunden am Ufer des Bajkalsees entlang. Ich bekomme von alledem leider nichts mit, scheint es mir doch wichtiger zu sein erst einmal die Magenverstimmung in den Griff zu bekommen. Erst als wir um 13.30 Uhr Ulan-Ude erreichen, meldete ich mich zurück. Steht hier doch der nächste Lokwechsel auf dem Programm. Endlich gibt es mal eine Dampflok zu sehen, wenn auch nur als Denkmal. Beim Entlang gehen am Zug stelle ich fest dass es außer dem Kurswagen nach Pjöngjang noch Wagen von Jekaterinenburg nach Wladiwostok und Kurswagen nach Komsomolsk, und Wlagoweschtschensk gibt. Insgesamt also wieder 18 Wagen. Die Rangierbefehle werden nicht wie bei uns mit Funkgeräten, sondern mittels der Überall verteilten Sprechstellen und Lautsprecher übertragen. Ständig sind von dem unserem Zug gegenüber liegendem Rangierbahnhof gleich mehrere Stimmen zu hören, die sich gegenseitig etwas zubrüllen. Hier in Ulan-Ude zweigt auch die Strecke in die Mongolei ab, über die man durch bis Peking fahren kann. Weiter geht es Richtung Osten, immer in respektvoller Entfernung zur mongolische Grenze. Etwa eine halbe Stunde nach der Abfahrt aus Ulan Ude sehen wir auf der linken Seite einen dieser großen Lokfriedhöfe. Die aber auch nicht mehr das sind was sie einmal wahren, auch hier wurde modernisiert. Statt Dampfloks sind hier jetzt gut hundert von relativ neuen Elektroloks abgestellt. Je weiter wir nach Osten vordringen desto häufiger sehen wir auf den Bahnsteigen noch Lenin stehen, meist 'versilbert' mit erhobener Faust. Über Geschmack lässt sich ja streiten, aber etwas merkwürdig kommt es uns schon vor als auch noch via Zuglautsprecher die deutsche Originalversion von Dshingis-Kahn ertönt. Jetzt fehlt nur noch Heino und ich würde sofort Aussteigen. Das tue ich trotzdem aber erst in Petrowskij-Sawod. Gibt es hier nicht nur den letzten Lokwechsel für heute, sondern auch einen gut sortierten 'Markt auf’m Bahnsteig' (MAB). Maja nutzt die Gelegenheit, kauft für uns bei den Babuschkas auf dem Bahnsteig; Brot, Milch, Tomaten, Gurken und mit Quark gefüllte Pfannkuchen. Inzwischen ist Maja mit Ludmilla unsere Nacht-Prowodnik schon wieder per 'Du'. So ist es für uns kein Problem, Milch und Pfannkuchen bei ihr im Kühlschrank zwischen zu lagern.

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Der 11. Tag - Nachrichten

Rund 9 ½ Tausend Kilometer liegen an diesem Morgen bereits seit unserer Abfahrt vor elf Tagen hinter uns, bis Wladiwostok sind es aber immer noch über 2 ½ Tausend Kilometer. 9.30 Uhr, Zeit zum Frühstücken, Udo und Martin sind bereits seit Stunden damit beschäftigt die Kilometersteine zu zählen. Zum Frühstück gibt es die Pfannkuchen vom Vortag dazu Brot, echte ungarische Kirschmarmelade und jede menge Kaffee und Tee. Wie schon im Rossija ab Moskau ist die Anzahl an Westtouristen sehr gering, genaugenommen befindet sich außer uns nur noch Doron, ein Israeli, im Zug. Und weil Doron ebenfalls im Wagen 2 untergebracht ist, neben Englisch auch ein wenig deutsch spricht, kommen wir natürlich ins Gespräch. Er arbeitet als Journalist bei BBC in London, ist aber nicht (zumindest nicht offiziell) in dieser Funktion unterwegs. Sein Weg führte ihn vorgestern mit dem Zug aus der Mongolei über Irkutsk weiter nach Birobidzhan, wo er das Jüdisch Autonome Gebiet besuchen will. Anschließend soll es über Chabarowsk, Komsomolsk und Sowjetskaja Gavan zur Insel Sachalin gehen. Um kurz vor 12.00 Uhr leiht er uns seinem Weltempfänger aus, da auf der Deutschen Welle Nachrichten kommen. Der Empfang ist sehr schlecht, dass einzige was wir jedoch verstehen '....zum Trainingsauftakt des deutschen Fußballmeisters BVB brach am Höschpark ein Verkehrschaos aus....'. Fast 10 000 Kilometer von daheim muss Martin erfahren, dass bei ihm vor der Haustür der 'Bär' los ist. Dies sind dann auch die einzigen deutschen Nachrichten während der ganzen Reise. Die Minibar kommt, auch so etwas gibt es hier, wir können Wodka, italienischem Sekt, Zigaretten oder Kekse kaufen, tun es aber nicht. Die Verkäuferin hat gemerkt, dass wir Deutsche sind und bietet uns alte Rubelmünzen von den Olympischen Spielen in Moskau an. Ich kaufe zwei, für je zwei Dollar das Stück. Nun werde ich auch endlich etwas von meinem 'Schmiergeld' los. Habe ich mich doch schon Zuhause für diesen Zweck mit genügend kleinen Dollar Noten eingedeckt. Martin lässt nach den berühmten Transsib.-Teegläsern fragen, kein Problem, meint die Frau und verschwindet. Nach vielleicht fünf Minuten ist sie wieder da und hat zwei echte Teegläser, die natürlich sofort den Besitzer wechseln. Jetzt wollen Udo und ich auch etwas und lassen Maja nach Uniformteilen und Anstecknadeln fragen. Die Frau meint, wiederum kein Problem und kommt nach einigen Minuten mit Anstecknadeln wieder. Auch diese wechseln den Besitzer. Jetzt oder nie denke ich und lasse Maja nach den bekanntem Dreikant fragen, den jeder Eisenbahner in Russland hat. Mit ihm lassen sich zum Beispiel die Fenster und Türen ver.- und entriegeln, ähnlich dem deutschen Vierkant. Kein Problem, meint sie, nach einigen Minuten ist sie wieder mit einem Dreikant zurück. Den Preis kann ich selbst bestimmen und biete 10 Dollar. Sie ist einverstanden und ich bekomme den Dreikant. Ich denke nur, die würde sicherlich auch ihr letztes Hemd gegen Dollar verkaufen. Jetzt wird es Zeit fürs Mittagessen, weil uns dieser Speisewagen noch unbekannt ist, gehen Maja, Martin und Udo heute dort Essen. Ich erkläre mich bereit, die Abteilwache zu übernehmen. Das beste an so einem Russischen-Langstrecken Wagen ist sicherlich der Samowar. Hier können die Fahrgäste zu jeder Zeit kostenlos heißes Wasser bekommen. Ich habe mich bereits zuhause entsprechend mit reichlich Bouillonwürfel, Tee und Trinksuppen eingedeckt. Das ging aber schnell, ich habe meine Suppe gerade ausgelöffelt, da sind die drei schon wieder zurück. Wie sie mir berichten, ist es noch chaotischer als beim ersten Mal gewesen sein. Sie hatten ernsthafte Probleme, überhaupt in den Speisewagen zu kommen. Erst nach heftigen Flüchen des Personals, die erst zahlreiche Kisten aus den Weg räumen mussten, gelang es ihnen, Zutritt zu bekommen. Die Kisten waren unter anderem mit Joghurts der Marke Südmilch gefüllt. Zu Essen gab’s aber doch etwas; Kohlsuppe mit Brot, Gummiadler (halber Hahn) und natürlich Gurken/Tomaten. Anschießend statetten sie dem Nordkoreanischen Wagen einen Besuch ab, die meisten Türen waren geschlossen, nur in einem Abteil lagen ein paar Schnapsleichen. Bei Kilometer 6854 erreichen wir einen landschaftlichen Höhepunkt der Transsib. in mehreren Kehrschleifen verlassen wir das Tal des Tscherbyi Urjum um ins Tal des Amazar zuwechseln. Wie wir zuvor an einer Elektrolok lesen konnten, wurde hier die Elektrische Fahrleitung erst vor wenigen Jahren fertig gestellt. Sauberkeit ist alles, einmal pro Schicht geht Sascha oder Ludmilla mit dem Staubsauger durch den ganze Wagen und macht Gang und die Abteile sauber. Der Dienst im Zug ist hart, eine Schicht dauert 12 Stunden. Das Personal wird während der acht Tage dauernden Fahrt nicht gewechselt. Die Rückfahrt wird in Wladiwostok noch in der selben Nacht angetreten. Nach 15 Tagen Dienst hat man dafür anschließend 15 Tage frei. Nächster Halt ist Mogotschar, der erste mit mehr als fünf Minuten seit 6 Stunden. Wir machen ein Foto von unserer WL 80, die jetzt schon seit Tschernyschevsk den Zug befördert, die Wagen werden unterdessen mit Wasser betankt. Weiter geht es im 25 m Takt, denn wegen der extremen Temperaturschwankungen sind östlich des Urlal nahezu ausschließlich 25 m-Schienen auf Holzschwellen verlegt. Endlich nach fast genau 11 Stunden gibt es am Abend in Erofej Pawlowitsch den 13 Lokwechsel, eine WL 60 übernimmt den Rossija.

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Der 12. Tag - Der Amur

An diesem Morgen erreichen wir unsere 9 und letzte Zeitzone. Wir haben gerade gefrühstückt, als Doron sichtlich nervös zu uns kommt. Er hat soeben im Radio gehört, dass es in Tel Aviv einen Bombenanschlag gegeben hat. Da seine Eltern dort leben, macht er sich doch etwas Sorgen, so will er von Chabarowsk aus zuhause anrufen. Seine Fahrkarte gilt nur bis zu der Jüdischen Gemeinde in Birobidzhan und dort gibt es wahrscheinlich kein (funktionierendes) Telefon. Deswegen bittet er Maja, sie soll sich für ihn bei Sascha erkundigen und wenn möglich eine Fahrkarte nach Chabarowsk kaufen. Das gelingt dann auch. Die Fahrkarte ist zwar teurer als normal, aber Hauptsache er kann mit dem Zug bis Chabarowsk fahren. Es ist ein heißer Tag und ausgerechnet heute muss es passieren, wir haben gerade erst in Archara die Lok gegen eine desselben Typs gewechselt, als bei Kilometer 8118 der Zug abrupt zum Stehen kommt und damit auch die Klimaanlage. Erst denken wir uns nichts dabei, nachdem es uns aber mit der Zeit jedoch zu heiß wird, sehen wir mal nach. Was ist geschehen? Die Waggontür steht offen, Sascha, Ludmilla und einige Fahrgäste sind ausgestiegen und laufen auf dem gegen Gleis herum. Wir steigen also auch aus, und siehe da, unsere WL 60-1549 hat ihren hinteren Stromabnehmer zu Schrott gefahren. In Deutschland würde man mit einer Diesellok den Zug aus dem beschädigten Abschnitt ziehen und anschließend die defekte Lok gegen eine neue austauschen. Es geschieht zuerst gar nichts, dann nach einer Weile wird die Fahrleitung geerdet. Der Lokführer und sein Maschinist klettern auf die Lok, um die Reste des Stromabnehmers mit Hilfe eines Drahtes auf der Lok zu befestigen. Unterdessen ist eine Diesellok von Typ TschS aufgetaucht und hat sich an den Zugschluss gesetzt. Hiernach werden wir von der TschS wieder in den unter Spannung stehenden Abschnitt geschoben. Statt aber am nächsten Bahnhof die Lok gegen eine neue zu wechseln, wird einfach der fordere Stromabnehmer benutzt und wir fahren mit leider inzwischen zwei Stunden Verspätung weiter. Es dämmert, als wir uns dem letzten Höhepunkt des Tages nähern - dem Amur. Links zweigt ein Gleis ab welches in einer oberirdisch mit Erde überschütteten Röhre verschwindet, ein Hafengleis oder ein Militäranschluss ? Auf einem langen Damm nähern wir uns der Amur-Brücke, zu unserer Überraschung ist die mindestens 2 ½ km lange Brücke nur eingleisig. Es sind aber bereits Arbeiten im Gange, die die Brücke um eine Schienen- und Straßenbrücke erweitern werden. Wie schon einige Brücken und Tunnel zuvor, wird auch diese Brücke von allen Seiten schwer bewacht. denn bis zur Chinesischen Grenze ist es nicht weit von hier! Wenig später erreicht der Rossija mit immer noch zwei Stunden Verspätung den Bahnhof von Chabarowsk. Hier verlässt uns nach 500 km endlich die havarierte WL 60 und wird gegen eine Doppeldiesellok vom Typ 2M62 gewechselt. Somit gibt es tatsächlich noch eine Diesellücke auf der Transsib. Wir verabschieden uns von Doron und nach ca. ½ Stunde fahren wir weiter, von nun an nur noch Richtung Süden. Wir haben es uns gerade für die letzte Nacht vor Wladiwostok bequem gemacht als wir kurz nach Mitternacht durch ziemlich viel Lärm auf dem Bahnsteig von Wjazemskij nochmals geweckt werden. Draußen, man bedenke die Uhrzeit, ist der ganze Bahnsteig voller Babuschkas, es dürfen fast hundert sein, die ihre Waren zum Kauf feilbieten. Von Ladenschlusszeiten haben die hier wohl noch nie was gehört ? Maja und Martin lassen sich durch die ungewöhnliche Uhrzeit nicht abschrecken und nutzen die 'frühe' Einkaufsgelegenheit, um unsere Vorräte zu ergänzen.

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Der 13. Tag - Wladiwostok

Am Morgen verlässt uns in Ussurijsk nicht nur die 2M62 sondern auch der Kurswagen nach Pjöngjang. Wieder elektrisch fahren wir mit einer WL 80 bei schönstem Wetter weiter, zum Teil unmittelbar am Japanischen Meer entlang, die letzten Kilometer bis Wladiwostok. Um exakt 11.50 Uhr kommt Zug 2 'Rossija' mit zwei Stunden Verspätung im Bahnhof zum stehen. Wie sagte doch schon Neil Armstrong 1969 beim betreten des Mondes, 'Ein kleiner Schritt für die Menschheit aber ein großer Schritt für mich' (oder so ähnlich). Geschafft - nach genau 9297 km von Moskau und 12084 km von Neheim-Hüsten am Ziel - Wladiwostok. Einfach Irre: wir sind wirklich angekommen. Wegen des denkwürdigen Ereignisses versammeln wir uns mit Sascha vor dem Zuglaufschild für ein Foto. Unser erstes Ziel ist das Hotel 'Wladiwostok', wonach gleich die ganze Stadt benannt wurde !! Weil wir nicht wissen, wo das Hotel liegt, schicken wir Maja vor, um uns wie in Irkutsk wieder ein Taxi zu organisieren. Dies ist erheblich preiswerter, als wenn wir nach einem Taxi fragen. Aber auch Maja hat einige Probleme, einen Fahrer zu finden, der uns fahren wird, die Entfernung ist wohl zu gering. Nach einigem Suchen findet sich aber doch jemand. Hätten wir das gewusst, wären wir zu Fuß gegangen, liegt das Hotel doch nur knapp einen Kilometer vom Bahnhof entfernt auf einem Bergrücken. Das Einchecken verläuft reibungslos, unsere Zimmer befinden sich im 6 Stock, mit Sicht aufs Japanische Meer und Küstenwache, was wollen wir mehr. Auf dem Stadtplan, den wir an der Rezeption bekommen, entdecken wir auf einer Fotomontage eine Standseilbahn, somit steht das Programm für den Nachmittag bereits fest. Der Nebel, der bei unserer Ankunft über der Stadt lag, hat sich im Verlauf der letzten zwei Stunden fast ganz aufgelöst. Es ist heiß, in einigen Reiseführern wird für Wladiwostok im Sommer eine mittlere Temperatur von ca. 17 Grad angegeben, bei uns dürfte es fast doppelt so viel sein. Nicht nur die Hitze erinnert uns wenig an Russland, auch der Straßenverkehr gleicht mehr der einer westlichen Großstadt und wird von japanischen Autos beherrscht. Das Angebot an Lebensmitteln ist im Gegensatz zu anderen Städten in Russland überdurchschnittlich vielfältig und wird von japanischen und südkoreanischen Produkten bestimmt. Am Bahnhof erkundigen wir uns nach den hier verkehrenden Elektritschkas, um wenn möglich am nächsten Tag, eine Fahrt damit zu unternehmen. Am Regierungsgebäude und dem Hafen vorbei gelangen wir zur Talstation der Standseilbahn. Die Standseilbahn (Funikular) verbindet die Puschkinskaja mit der Suchanowa und hat eine Länge von ca. 400 m. Oben angekommen haben wir eine herrliche Aussicht auf die Stadt, Bucht Solotoj, und (Militär-) Hafen. Die Miliz beobachtet hinter uns an einer Kreuzung den Verkehr, was uns aber nicht davon abhält, Fotos vom Hafen und der Stadt zu machen. Vor ein paar Jahren, als die Stadt weder für Ausländer noch für hier nicht wohnende Russen zugänglich war, hätten wir die Stadt wahrscheinlich nach einer solchen Tat nicht lebend verlassen. Auf dem Weg zurück in die City kehren wir bei Magic-Burger (eine Art Mc Donalds) ein. Es gibt Hamburger, Pizza dazu Pepsi-Cola und alles von erstaunlich guter Qualität. Nur die Musik ist etwas sehr laut, unter anderem ist '1 - 2 Polizei, 3 - 4 Grenadier' auf deutsch zuhören. Während der Besichtigung des Hafenbahnhofs wird uns noch mal gezeigt, was Glasnost bedeutet. Ein japanischer Tourist bittet einen von mehreren an der Kaimauer stehende Marinesoldaten, ob er ihn nicht zusammen mit seinen Kameraden vor den im Hafen liegenden Kriegsschiffen fotografieren kann, welches ohne zu zögern auch gemacht wird !
Für 500 Rubel machen wir eine Schifffahrt zum anderem Ufer der Bucht, wo sich auch ein Bahnhof der Elektritscha befindet.Den Rest des Nachmittags nutzen Udo und ich um einen erstem Eindruck von der Straßenbahn zu erhalten. Das Straßenbahnnetz besteht aus 3 Streckenästen, die alle den Hauptbahnhof anfahren. Zum Einsatz kommen sowohl KTM 5 aus Ust-Kataw im Ural, als auch Fahrzeuge aus Riga (RWZ 6). Der Preis für einen Einzelfahrschein beträgt auch hier 500 Rubel und ist für Tram, Bus und Trolleybus gleich. Die Fahrscheine kaufen wir im Wagen bei der Schaffnerin, die die Billets sofort entwertet.

Der 14.Tag -  Japanisches Meer

Der Morgen beginnt ebenso vielversprechend wie der gestrige zu Ende ging - heiß. Nicht eine Wolke trübt den Himmel.Im Hotel ist kein Frühstück zu bekommen, zumindest nichts was diese Bezeichnung verdient hat. Deswegen gibt es heute nur ein improvisiertes Frühstück auf dem Bahnsteig von Wladiwostok. Wegen Dunkelheit hatten Udo und ich gestern die Straßenbahnlinie nach Baljaewa nicht mehr befahren können, darum holen wir dies heute morgen nach. Am Mittag treffen wir uns mit Martin am Hafen, um mit der bereits gestern benutzten Fähre wieder an das andere Ufer zukommen. Dort erreichen wir an Station Mys Tschurkin um 13.40 Uhr eine der wenigen hier noch fahrenden Elektritschkas. In der am Bahnhof gelegenen Fischfabrik ist gerade Schichtwechsel und der Triebwagen folglich sehr voll. Die Strecke führt mitten durch die Stadt, bei Perwaja Retschka erreichen wir die Gleise der Transsib., auf welchen wir bis Ugolnaja weiter fahren. Dort angekommen hat Udo immer noch nicht genug und will mit dem nächsten Zug gleich weiterfahren. Martin und mir ist das Wetter jedoch zu schön, um den ganzen Tag im Zug zu verbringen. Mit der nächsten Elektritschka fahren wir wieder zurück nach Wladiwostok. Der Zug ist sehr voll, neben Zeitungen wird auch Milcheis von fliegenden Händlern angeboten. Wir kaufen uns ein Eis, es schmeckt sehr gut. Zurück am Hotel treffen wir Maja, sie möchte wie wir zum Strand gehen, welcher sich nicht weit vom Hotel befindet. Wer kann von sich schließlich behaupten, im Japanischen Meer gebadet zu haben. Am Strand und im Wasser ist mächtig was los, sogar einige Surfer sind unterwegs. Wir haben Mühe, überhaupt noch einen Liegelatz zu bekommen. Das Wasser ist sehr warm, das Schwimmen wird aber durch Algen und einigen Quallen etwas behindert. Von soviel Sonne, Sand und Meer hungrig geworden, statten wir Magic-Burger noch mal einen Besuch ab. Inzwischen ist es dunkel geworden, so gehen wir zurück zum Hotel. Maja lädt uns auf ihrem Zimmer noch zu einer Pfirsich-Sekt-Bowle ein. Um 23 Uhr wird es Zeit, die Sachen zupacken, Udo ist unterdessen auch wieder von seiner Tour zurück. In völliger Finsternis, also ohne Straßenbeleuchtung, nur mit einer Taschenlampe leuchtend gehen wir durchs nächtliche Wladiwostok zum Bahnhof. Pünktlich um 0.55 Uhr heißt es Abschied nehmen vom 'Hongkong' Russlands. Mit Zug 7 gezogen von einer Elektrolok der Baureihe WL 80, verlassen wir Wladiwostok, um unserem nächsten Ziel, Chabarowsk am Amur, entgegen zu fahren. Bei Zug Nr. 7 handelt es sich nicht um einen sogenannten Firmen- Zug, er fährt auch nur bis Nowosibirsk und hat folglich keine Klimaanlage, was bei der recht hohen Temperatur ein Problem ist. Wenigstens im Gang lässt sich ein Fenster öffnen, so bleibt uns nichts anderes übrig, als die Abteiltür nicht ganz zu verschießen, haben wir doch bisher die Tür zusätzlich von Innen mit einer Kette gesichert. Unsere Sorgen sind jedoch unbegründet, wir überstehen auch diese Nacht ohne Probleme.

Der 15. Tag - Chabarowsk Teil 1.

Draußen wird es bereits hell, und wir versuchen etwas von der chinesischen Grenze zu erblicken. Die Ussuribahn, wie die Strecke von Wladiwostok nach Chabarowsk genannt wird, verläuft hier fast über die ganze Strecke parallel zum gleichnamigen Fluss, der hier die Grenze zu China bildet. Bei dem Maßstab unserer Karte dürften es sicherlich noch einige Kilometer bis zur Grenze sein. So müssen wir uns damit zufrieden geben, dass das Gebirge im Hintergrund wohl zu China gehört. Am Mittag kommen wir wieder nach Wjazemskij und wie bei der Hinfahrt ist auch jetzt der Bahnsteig wieder mit Marktfrauen übersät. Achtzehn Minuten Aufenthalt, die Wagen werden mit Frischwasser betankt, ich habe Zeit, zu der 2M62 (Tajgatrommel) vorzugehen, die uns noch bis Chabarowsk ziehen soll. Chabarowsk erreichen wir pünktlich um 14.25 Uhr. Maja erkundigt sich gleich nach unserem Hotel 'Intourist', welches unglücklicherweise am anderen Ende der Stadt liegt. Wir haben die Wahl, Bus Linie 1 oder Taxi. Wir entscheiden uns fürs Taxi, nicht zuletzt wegen des Gepäcks. Maja beauftragen wir wieder die entsprechenden Verhandlungen mit den Taxifahrern aufzunehmen. Wie gewohnt muss sie erst suchen, bis sich jemand bereit erklärt, uns zu fahren, während wir das aus einiger Entfernung verfolgen. Nachdem Maja sich mit den Taxifahrer über den Preis geeinigt hat, winkt sie uns herbei. Der Fahrer ärgert sich mächtig, nachdem er feststellt, dass wir Westtouristen sind. Schadenfreude ist doch die schönste Freude ! Das Hotel ist noch sehr neu und befindet sich unmittelbar am Amur, unsere Zimmer liegen im fünften Stock, leider nicht mit Sicht auf den Amur. Im Hotel befindet sich auch das Büro von Intourist, dort geben wir unseren letzten Gutschein ab. In der Hoffnung jetzt alle Unterlagen für die Fahrt bis Berlin zu bekommen. Larissa, die Intourist-Agentin, die ich meine schon von der ITB in Berlin her zu kennen glaube, nimmt sich unserer Maja an, um mit ihr die weitere Fahrt durchzusprechen. Udo macht sich über die Straßenbahn her, Martin und ich erkunden das Umfeld des Hotels und gehen zum Ufer des Amur, der hier, wie wir bereits auf der Hinfahrt sehen konnten, mindestens 2000 m breit ist. Der Rhein ist nur ein kleines Rinnsal dagegen. Auf ihm liegen Dutzende von Schleppkähnen vor Anker, die Eisenbahnbrücke können wir von hieraus aber nicht sehen. Trotz Wolken ist es immer noch sehr warm und mein Getränke-Vorrat erschöpft. Wir versuchen deswegen in der Stadt etwas zu finden. In einem Produkti-Geschäft werden wir fündig. Das Einkaufen ist ein echtes Abenteuer. Wie ich es schon aus der ex. DDR und der CSFR her kannte, gibt es auch hier selbst in großen Kaufhäusern keine Selbstbedienung. Alle Abteilungen sind mit Theken ausgestattet, wo man die Ware von einer Verkäuferin oder Verkäufer ausgehändigt bekommt. Hier in Russland geht das folgendermaßen vor sich: Wir suchen uns eine Orangensaft Flasche aus und erkundigen uns nach dem Preis. Dann bezahlen wir an der Kasse, die sich hier am Ausgang zu einer anderen Abteilung befindet. Mit dem kleinen Kassenzettel gehen wir anschließend wieder zurück in die entsprechende Abteilung, um durch Abgabe des Kassenzettels nun an die reservierte Orangensaft Flasche zu kommen. Wer wie ich, kein Wort russisch kann ist ziemlich aufgeschmissen, in diesem Fall hat mir Martin geholfen. Angeblich will man durch dieses Verfahren vermeiden, dass zu viele Mitarbeiter mit Geld in Berührung kommen. Zurück im Hotel, treffen wir an der Rezeption Maja, die ziemlich fertig aber zufrieden ist. Nach über zwei Stunden zähen Verhandelns steht der Fortsetzung unserer Fahrt nichts mehr im Wege. Maja sagt, dass unsere Fahrt hier bei Intourist für einigen Wirbel gesorgt hat. Sind wir doch die ersten Westtouristen, die die ganze BAM befahren werden. Wo auf der Erde kann man sonst noch als Tourist der erste sein als in Russland. Wir sind also echte Pioniere. Seit heute Mittag im Zug haben wir nichts mehr gegessen, aber die große Lust, in der Stadt etwas zu suchen, ist auch nicht vorhanden. Wir probieren unser Glück im Hotelrestaurant, meistens kann man dort noch am ehesten etwas brauchbares bekommen. Der Ober kommt, gibt Maja die Speisekarte, damit sie sie uns vorlesen kann. Während wir beraten, steht der Ober die ganze Zeit neben dem Tisch in Erwartung der Bestellung und das dauert. Ich bestelle und bekomme: Schweinefleisch Russische Art, Gurkentomatensalat und Kirschlimonade knallrot in einer 1 ½ Liter PET Flasche. Die Limonade ist wahrscheinlich rein chemisch, dass es nach Kirsche schmeckt, muss ich mir denken. In Deutschland undenkbar, die Getränke bekommen wir erst zusammen mit dem Essen. Das Essen ist teuer, aber wir können es essen, mit der Zeit wird man sowieso abgehärteter. Gegen 21.00 Uhr fängt eine Band an zuspielen, eine Unterhaltung ist fortan nicht mehr möglich. Wir ziehen es aus diesem Grund vor, auf unsere Zimmer zu gehen. Bei der Etagenfrau erkundigt sich Maja, ob Udo von seiner Straßenbahnfahrt zurück ist, dies ist jedoch nicht der Fall. Wir wollen auf keinen Fall zu Bett gehen, bevor Udo nicht wieder zurück ist. Der Abend ist noch jung und warm und Maja haben wir noch nicht den Amur gezeigt, also genau die richtige Zeit für einen Spaziergang zum Amur. Von einer Aussichtsplattform können wir gut den Amur überblicken, im Hintergrund ist eine hell erleuchtete Fabrik zusehen, unten am Strand versucht 'Käpten Blaubär' sein Schiff auf Grund zu setzen, während am Ufer eine Disco tobt. Ein Russe spricht mich auf Deutsch an und erzählt mir, dass er in Halle/Saale beim Militär gewesen ist. Er selber kommt aus Tscheljabinsk und macht hier am Amur Urlaub - Sachen gibt’s. Nachdem Udo um 23 Uhr immer noch nicht zurück ist, machen wir uns doch einige Sorgen. Soviel Straßenbahn kann es hier doch gar nicht geben. Wo es doch bereits seit fast zwei Stunden dunkel ist. Dies muss die Etagenfrau mitbekommen haben, die zu Maja sagt, dass es jetzt besser ist, die Hotelmiliz zu informieren. Martin und ich gehen aufs Zimmer zurück und Maja fährt mit der Etagenfrau im Aufzug zur Rezeption. Just in diesem Augenblick klopft es an unserer Tür und siehe da, der 'Verschollene' ist wieder heimgekehrt. Wie Udo sagt, habe die Fahrt mit der Straßenbahn etwas länger gedauert als ursprünglich geplant. Zu allem Unglück hatte er auf dem Weg ins Hotel noch den Bus in die falsche Richtung erwischt, und so etwas passiert ausgerechnet ihm !

Der 16. Tag - Chabarowsk Teil 2.

Nach dem schon klassischem Intourist Frühstück fahren wir gemeinsam mit dem Bus in die Stadt. Maja 'genehmigen' wir einen freien Tag, um sicherlich wieder diverse Buchhandlungen zu 'plündern', Udo und Martin unternehmen eine Fahrt mit der Autofähre über den Amur. Ich widme mich dem Straßenbahnnetz welches ich komplett befahren will. Wie Udo am Tag zuvor bereits festgestellt hat gibt es vier recht lange Streckenäste, die sich alle am Bahnhof vereinigen. Es dauert daher rund 7 Stunden bis ich das Streckennetz komplett befahren habe. Der Preis für einen Einzelfahrschein beträgt auch hier 500 Rubel, welche ich bei der Schaffnerin kaufe. Hierfür sind keine Russischkenntnisse erforderlich. Ich bekomme den Fahrschein einfach durch Hinhalten, eines entsprechenden Geldscheins. Im Bahnhof mache ich einige Fotos unter anderem von M 62 die mit der DR Baureihe 120 identisch ist. Um, zum Hotel zukommen möchte ich für ein Stück des Weges die Straßenbahn nutzen, dies ist aber nicht möglich. Es hat sich mal wieder eine dieser zahlreichen Betriebsstörungen ereignet, diesmal ist es eine herunter gerissene Fahrleitung. Zu allem Unglück genau in der Wendeschleife vorm Bahnhof, die zudem von allen Linien durchfahren werden muss. Folglich stauen sich die Fahrzeuge in alle Richtungen. Mir bleibt nichts anderes übrig als mit dem Bus zufahren, fragt sich nur wo, wann und in welche Richtung. Ich weiß nur das es die Linie 1 sein muss. Ungefähr nach 10 Minuten kommt auch einer, indem ich sofort einsteige meine 500 Rubel bezahle und hoffe dass der Bus auch in die richtige Richtung fährt. Dem ist so, gut 15 Minuten später und nach einem kurzen Fußweg erreiche ich das Hotel. Die anderen sind von ihren Exkursionen noch nicht zurück, ich nutze die Zeit zum Lesen, Duschen und den Rucksack für die nächste Etappe neu zupacken. Am Abend treffen auch die anderen drei ein, und wir können uns fertig zum Aufbruch machen. Den Weg zum Bahnhof kennen wir ja jetzt, aus diesem Grunde fahren wir auch mit dem Bus zum Bahnhof. Zug 67 nach Komsomolsk am Amur steht bereits auf Gleis 5 zum einsteigen bereit. Unser Wagen Nummer 6 befindet sich in der Mitte des Zuges. Auch dieser Wagen hat keine funktionierende Klimaanlage, was uns aber nicht weiter stört, fahren wir ja nur eine Nacht mit diesem Zug. Um 22.10 Uhr verlassen wir Chabarowsk um unserem östlichsten Punkt der Reise; Komsomolsk am Amur entgegen zufahren. Die Strecke nach Komsomolsk, die erst westlich des Amur nach Norden abzweigt, benutzt auf den ersten 38 Kilometer die Gleise der Transsib. Wir müssen also erst wieder den Amur überqueren, so glauben wir zumindest. Es ist noch nicht ganz dunkel und die Fenster lassen sich zu beiden Seiten des Wagens öffnen. Die Brücke ist, wie wir ja bereits wissen, nur eingleisig. Martin merkt es als erstes an einen rot-grün Leuchtendem Signal, wir befahren nicht mehr das selbe Gleis wie auf der Hinfahrt. Wir glauben unseren Augen nicht zu trauen, die absolute Sensation ! Wir fahren nicht über, sondern durch einen Tunnel unter dem Amur hindurch. Der Tunnel muss nach unseren Schätzungen mindestens 7 Kilometer lang sein und ist eingleisig Elektrifiziert. Wie wir erfahren hatte Stalin den Bau des Tunnels bereits begonnen. Fertig gestellt wurde der Tunnel aber erst nach dem zweiten Weltkrieg. Die Gründe für den Bau müssen rein Strategisch gewesen sein. Nach so einem Knüller kann uns auch die im Westen heranziehende Gewitterfront nicht mehr erschüttern. In Wolotschaewka verlässt uns die Elektrolok bereits wieder und wird gegen eine 3TE10M getauscht. Hierbei handelt es sich um eine dreiteilige Diesellok mit rund 6000 PS. Obwohl es nach 23 Uhr ist und das Gewitter uns eingeholt hat, warteten einige Babuschkas dennoch in kleinen Holzunterständen auf Kunden, jedoch mit wenig Erfol

Reiseführer Transsibirische EisenbahnReiseführer Transsibirische Eisenbahn

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Der 17. Tag - Komsomolsk am Amur

Als wir aufwachen ist es draußen bereits hell und leider heftig am Regnen. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof von Komsomolsk entdecken wir zu unserer Überraschung eine Straßenbahn. Aber auch Komsomolsk war bis vor wenigen Jahren wegen seiner Rüstungsbetriebe (u.a. U-Boote) eine für Touristen gesperrte Stadt. Daher konnten natürlich auch keine Angaben über Straßenbahnen in den Westen gelangen. Auf jeden Fall handelt es sich hierbei um die östlichste Straßenbahn des 'Eurasischen' Kontinents. Kaum hat unser Zug im Bahnhof gehalten, da werden wir, noch im Wagen von einem jungen Mann (sein Name Michail) auf Englisch angesprochen. Michail sagt zu Maja, (jetzt natürlich auf Russisch) das er beauftragt ist, uns die Fahrkarten zu geben. Aber auch sonst soll er sich um uns während des achtstündigen Aufenthaltes kümmern. Wir fahren mit ihm ins Woschod Hotel wo sich auch sein Büro befindet. Damit ist auch das Gepäck Problem schon gelöst. Er betreibt hier als Jungunternehmer ein kleines Touristenunternehmen, außer einigen Japanern sind aber bisher noch nicht viele Touristen hier gewesen. Er versichert uns, dass wir bei ihm alles buchen können. Auf einer Karte entdecken wir einige Güterzugstrecken, das ist doch was fürs Nächste mal 'Bereisung von Güter- und Anschlussgleisen am Amur'. Bei einer Tasse Kaffee überlegen wir gemeinsam das Vorgehen für die nächsten Stunden. Er selber hat auf der Eisenbahnhochschule in Chabarowsk studiert und kann unser Interesse an der Eisenbahn gut verstehen. Michail schlägt uns vor, nach der Stadtbesichtigung das Depot der BAM-Eisenbahn zu besichtigen und anschließend das Depot der Straßenbahn. Das schlechte Wetter animiert uns nicht zu einem Spaziergang, wir machen die Stadtbesichtigung mit dem Auto. Mit dem Auto fahren wir auch zu dem einige Kilometer außerhalb gelegenem Depot. Es gibt keinen Pförtner daher können wir direkt auf das Werksgelände fahren. Es regnet immer noch, so suchen wir Schutz in einer Halle. Michail spricht einen Arbeiter an, ob wir uns umsehen dürfen, kein Problem. Auch in der Halle regnet es - durch Löcher im Dach hinein. Nur wenige Leute sind am Arbeiten. Die meisten stehen herum und suchen Schutz vorm Regen. Bewaffnet mit Video und Kamera durchstreifen wir die Halle. Ich stelle mir vor, wir hätten es vor 10 Jahren bis hierher geschafft, spätestens jetzt währe unserer Reise zu Ende gewesen. Leider ist es zum Fotografieren in der Halle zu dunkel. Draußen im Regen, kann ich auch ein paar Aufnahmen machen. Im Gegensatz zu deutschen Betriebswerken werden hier an den Lokomotiven alle Arbeiten ausgeführt. Bei den großen Entfernungen hier ist die Überführung in einem Ausbesserungswerk einfach zu weit. Stationiert sind hier ausschließlich Triebfahrzeuge der Baureihen 2TE und 3TE. Während unserer Anwesenheit finden keinerlei Rangierbewegungen statt. Nach ungefähr einer Stunde verlassen wir das Depot um zur Straßenbahn zufahren. Dort fragt Michail kurz beim Pförtner nach, ob wir uns umsehen dürfen, welches aber auch hier kein Problem ist. Hier trennen uns vorerst die Wege, Michail fährt mit den Auto ins Hotel zurück und wir besichtigen das Depot. Der Regen hat etwas nachgelassen, im Freigelände stehen zahlreiche ausgemusterte Fahrzeuge. Wir machen einige Fotos. In einer Wagenhalle treffen wir auf den 'ersten' Menschen, eine Straßenbahnfahrerin. Von ihr erfahren wir, dass die Triebwagen RWZ 6 aus Riga sehr robust und beliebt sind. Seitdem Riga nicht mehr zu Russland gehört, hat man allerdings große Probleme mit der Ersatzteil Beschaffung. Bis jetzt ist es ihnen aber immer noch gelungen, den gesamten Verkehr hiermit abzuwickeln. Nach gut einer Stunde verlassen wir auch dieses Depot wieder. Um mit der Straßenbahn zum Endpunkt der Linie 2 und von dort fahren wir zurück zum Hotel, wo wir schon erwartet werden. Der Regen hat endlich aufgehört, dennoch fahren wir mit dem Auto zum Mittagessen. Die Gaststätte liegt am Rande des Stadtzentrum und ist von außen als solche gar nicht zu erkennen. Ausgerechnet hier bekommen wir das beste Essen während der ganzen Reise, wahrscheinlich liegt es daran dass die Gaststätte privat betrieben wird. Nach dem Essen möchten wir auch die restlichen Linien der Straßenbahn befahren. Wir bitten Michail, dass er uns am Flussbahnhof absetzen soll, denn hier beginnt die Linie 3. Maja 'schicken' wir zum Einkaufen in die Stadt, wer weiß, was es auf der BAM in den nächsten Tagen zu essen gibt. Nach einigen Fotos vom Amur, sogar die Eisenbahnbrücke der Strecke nach Sowjetskaja-Gawan ist zusehen, fahren wir los. Das Straßenbahnnetz besteht aus 4 Streckenäste, die sich alle im Zentrum am Platz Metallurgow treffen (ein echtes Linienkreuz). Die Fahrscheine bekommen wir auch hier beim Fahrer oder Schaffnerin. Der Preis für einen Einzelfahrschein beträgt wie immer 500 Rubel. Knapp drei Stunden haben wir Zeit, kein Problem den noch fehlenden Rest abzufahren (so könnte man meinen). Läuft auch eigentlich ganz gut, aber wir haben die Rechnung ohne die Komsomolsker Straßenbahn gemacht. Wenige hundert Meter nachdem wir den Endpunkt der Linie 4 wieder verlassen haben, passiert es - ein heftiger Ruck und der Triebwagen steht. Die Fahrerin steigt aus, kommt aber wenig später wild fluchend zurück, um etwas ins Funkgerät zu brüllen. Jetzt steigen auch die anderen Fahrgäste aus, uns bleibt auch nichts anderes übrig. Wollen wir doch auch wissen, was überhaupt los ist. Die Fahrleitung ist gerissen, schlimmer kann es eigentlich nicht kommen. In etwas über einer Stunde soll unser Zug am Bahnhof abfahren, wäre Maja doch jetzt bloß hier ! Mir wird ganz Übel, ausgerechnet am hintersten Ende des vom Stadtzentrum gut 6 Kilometer entfernten Streckenendes muss dies passieren. Nicht auszudenken wenn wir den Zug über die BAM verpassen. An dieser Stelle befindet sich eine weitere Wendeschleife. Mit 'Händen' und 'Füßen' versuchen wir dem entgegenkommenden Wagen klar zu machen, dass er über eben dieser Wendeschleife die Unfallstelle umfahren soll. Die Weiche wird immerhin umlegt, in der Hoffnung das es gleich weitergeht, steigen wir wieder ein. Dem ist aber nicht so, inzwischen ist ein Werkstattwagen angekommen und alle Fahrgäste steigen wieder aus - wir also auch. Die Zeit rennt uns davon, wir müssen uns etwas anderes ausdenken. Udo versucht in einer Gaststätte eine Telefon aufzutreiben um im Hotel anzurufen - zwecklos es gibt kein Telefon. Jetzt bleibt uns nur noch eins übrig, wir müssen versuchen ein Auto anzuhalten, Taxis gibt es in diesem Wohngebiet sowieso nicht. Nach vielleicht 10 Autos erklärt sich tatsächlich ein älterer Herr bereit uns zum Hotel Woschod zu fahren. Nicht lange überlegt was das wohl kosten wird, nur weg hier. In rasanter Fahrt geht es Richtung Innenstadt. Unser Fahrer ist ein echter Experte, wohlwissend wo sich eine Milizstreife befindet. Etwa. ½ Stunde vor Abfahrt unseres Zuges erreichen wir das Hotel Woschod. Als Belohnung geben wir unserem Retter 5 Dollar, weswegen er völlig aus dem Häuschen ist, mit soviel hat er wohl nicht gerechnet. Im Hotel wartet Maja mit Michail schon auf uns, das Gepäck schnell geholt geht’s auch gleich weiter zum Bahnhof. Auf Gleis 3 steht bereits unser Zug 203 nach Tynda. Wahnsinnig erleichtert verlassen wir 15.25 Uhr Komsomolsk am Amur. Mit einer Diesellok der Baureihe 2TE10M, fahren wir unserem nächsten Etappenziel Tynda entgegen. Kurz nach der Abfahrt kommt es im Nachbarabteil zu einem Streit mit dem Prowodnik. Ist es erlaubt, Hühner im selben Abteil zu befördern wie Menschen - es ist erlaubt oder es wird zumindest geduldet. Die Hühner blieben im Abteil. Vor dem Bau der BAM-Eisenbahn befand sich in diesen Breiten nichts, außer nahezu unendliche Wildnis - die Tajga. Erst mit der Eisenbahn wurden hier einige Menschen, mehr oder wenig freiwillig, Angesiedelt. Auffällig ist, das alle 16 Kilometer ein Ausweichgleis angelegt wurde, wo wir gelegentlich die Kreuzung eines Güterzuges abwarten müssen. Hin und wieder gibt es an einigen Ausweichstellen sogar ein wenig Besiedlung. Manche dieser Stops nutzen wir trotz des wieder schlechter werdenden Wetters zum Fotografieren. Einige Fahrgäste haben sich darauf hin wohl bei der im Zug mitfahrenden Miliz erkundigt, ob die Touristen Fotografieren dürfen - sie dürfen ! Dies erfahren wir aus erster Hand. Wohl mehr aus Neugier wird Kostja von der BAM-Miliz bei uns vorstellig. Nach der obligatorischen Visa-Kontrolle zeige ich Kostja mein Fotoalbum, welches erneut wertvolle Erklärungshilfe leistet, wieso, weshalb und warum wir Fotos machen. Nachdem ihm klar ist, mit wem er es zu tun hat, unterhalten wir uns über die BAM und erfahren, dass die Zukunft nicht allzu rosig ist. Die zu Sowjetzeiten geplante Erschließung Sibiriens wurde wegen Geldmangels im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis gelegt. Mit der Folge dass immer mehr Menschen Sibirien verlassen, einige Orte haben inzwischen bis zu 50 % der Einwohner verloren. Auf dem östlichen, 1473 km langen Abschnitt von Komsomolsk nach Tynda, fährt nur noch dieses eine Zugpaar, mit dem wir gerade fahren. Es wird sogar bereits über eine Einstellung des Personenverkehrs nachgedacht. Von Kostja bekomme ich meinem ersten Orden, zum 20 jährigen Bestehen der BAM-Miliz. Von mir bekommt Kostja eine Plakette vom Reichstag in Berlin. Seine Aufgabe besteht einerseits darin, für die Sicherheit der Fahrgäste zu sorgen und andererseits den auf den Bahnhöfen florierenden Kaviar Handel zu unterbinden. Ist dies doch mittlerweile für zahlreiche Sibirjaken die einzige Möglichkeit, etwas Geld hinzu zuverdienen. Um so merkwürdiger ist es, als Kostja am frühen Abend zu Maja kommt und ihr den Tipp gibt; 'Auf der nächsten Station in Duki können Sie guten Kaviar kaufen' ?!?! In Duki angekommen stehen Dutzende von Leute auf dem Bahnsteig, die alle irgend etwas unter dem Mantel festhalten. Was da wohl sein mag ? Gleich eimerweise wechselt hier der Kaviar den Besitzer. Nachdem Maja und die anderen Reisenden ihren 'Deal' getätigt haben, muss doch einer von den Leuten auf dem Bahnsteig dran glauben. Es ist nicht zu fassen da hat doch tatsächlich jemand versucht Illegal Kaviar zu verkaufen. Im Bahnhof von Postyschewo wird Lokführer und Milizwechsel sein. Kurz bevor wir diesen Bahnhof erreichen sagt Kostja zu uns, das wir dort mal nach vorne zur Lok gehen sollen. Er werde mit dem neuen Lokpersonal sprechen damit wir ein Stück auf der Lok mitfahren können. Im Bahnhof angekommen gehen Udo und ich nach vorne zur Lok, immer noch dieselbe wie in Komsomolsk. Nach unserem Pflicht Foto winkt uns der Lokführer (Maschinist) zu sich auf die Lok. Nachdem die Wagen mit Wasser, der Maschinist und sein Beimann mit Tee versorgt sind, geht es nach einer ½ Stunde Aufenthalt los. Die 2TE10M-3430 der BAM Eisenbahn macht einen Höllenlärm und beschleunigt die 16 Wagen auf gut 50 km/h. Zum Fotografieren ist es leider schon zu dunkel, zumindest Udo kann mit seinem Camcorder noch ein paar Szenen einfangen. Mit reichlich Tee, Käseschnittchen und Bonbons für alle, fahren wir gewaltig schaukelnd über die nächtliche BAM. Nach ca. 1 ½ Stunden verabschieden wir uns im Bahnhof; Amgun von unserem Maschinisten, nicht ohne im einige Souvenirs von der Eisenbahn zugeben. Martin und Maja erwarten uns bereits, so geht ein langer erlebnisreicher Tag in Sibirien zu Ende.

Der 18. Tag - Der Hühnerstall

Wo durch werden wir an diesem Morgen geweckt ? Durch das Krähen eines Hahnes im neben Abteil ! Der Hahn will gar nicht mehr aufhörten zu krähen, hat er vielleicht Probleme nach welcher Uhr oder Zeitzone er sich richten soll ?Das Wetter hat sich seit gestern nicht gebessert, immer noch hängen dicke Wolken über der Taiga. Das Federvieh hat sich inzwischen eingenistet, sobald wir unsere Abteil Tür öffnen erfasst uns ein derartig penetranter Gestank, das nur ein sofortiger Sprung zum hoffentlich geöffneten Fenster das Überleben sichert. Wie können Hühner nur so stinken, wie ist es möglich das in diesem Hühnerstall auch noch zwei kleine Kinder und deren Eltern überleben können ? Die Antwort ist uns heute noch schleierhaft. Seit Nowyj Urgal haben wir wieder eine neue Lok ebenfalls eine 2TE10M, nachdem uns die vorherige Lok 411 km gezogen hat. Ab Isa haben wir nach 6 ½ Tagen den ersten Zeitzonen Wechsel, auch daran merkten wir das wir wieder Richtung Heimat fahren. Wurden die Tage durch das zurückstellen der Uhr auf der Hinfahrt kürzer, werden sie jetzt wieder länger. Gut das Maja in Komsomolsk eingekauft hat, gibt es doch auf den Bahnhöfen der BAM nicht die von der Transsib. her gewohnten Marktfrauen. Maja will mir am Mittag wieder etwas von ihrem Kaviar andrehen, ich kann mich aber erneut dessen erwehren. Statt dessen probiere ich echten dänischen Cornedbeef mit Brot und dazu eine Lauchcremesuppe. Bei Streckenkilometer 3144 wird die Landschaft wieder etwas Interessanter, hier muss unsere Lok zeigen was sie kann, durch enge Kurven und über Brücken überqueren wir eine weitere Passhöhe. Wenig später erreichen wir Dugda, ein typischer moderner BAM Bahnhof. Die Meldung des Tages verbreitet sich wie ein Lauffeuer im ganzen Wagen, am späten Abend wird in Werchnesejsk der Hühnerstall aussteigen. Endlich ! Maja zeigt uns noch ein Kunststück bei dessen Abschluss ein leerer Teebeutel angesteckt wird und durch die Wärme in die Höhe steigt. Dies hätte Sie besser nicht gemacht, denn keine zwei Minuten später klopft die Miliz an unsere Abteiltür. Sie möchten wissen, ob bei uns Feuer ausgebrochen ist, denn bei der Prowodnik hat unser Rauchmelder ein Alarm ausgelöst. Und das wegen eines kleinen Teebeutels - da sind wir doch etwas schockiert. Ob es vielleicht auch noch Abhörwanzen gibt ? Wir begründen unser Verhalten damit, dass wir dadurch versuchen den Gestank der Hühner zu übertünchen. Trotz intensiven Suchens finden wir weder Wanzen noch Rauchmelder. Endlich - um 22.45 Uhr fahren wir im Bahnhof von Werchnesejsk ein. Beim Ausladen der Kisten mit dem Federvieh, sehen wir noch mal womit wir es während der 1 ½ Tagen zu tun hatten. Statt die Lok zu betanken wird sie gleich gewechselt, erneut übernimmt unseren Zug eine 2TE10M der BAM-Eisenbahn. Nicht nur wir sondern der ganze Wagen atmen auf, als nach der Abfahrt die Luft wieder rein ist. Sogar die Miliz entschuldigt sich bei uns für das etwas ruppige Auftreten. Wenige Minuten nach Verlassen des Bahnhof überqueren wir auf einer langen Stahlfachwerkbrücke den Stausee des Zejskoe. Leider ist es schon dunkel.

Der 19. Tag - Sekt und Kaviar

Um 6.55 Uhr erreichen wir planmäßig den Bahnhof von Tynda. Das Wetter hat sich über Nacht grundlegend gebessert. Sieht man doch deutlich dass, wenn sich der Nebel vollständig verzieht, es heute ein sonniger Tag werden wird. Hier in Tynda sollen wir bei nur 85 Minuten Aufenthalt unsere Fahrkarten für die nächsten 4 ½ tausend Kilometer bis Omsk bekommen. Wir sind noch nicht ganz ausgestiegen da werden wir bereits von einer Dame mit Namen Tatjana auf Englisch angesprochen - sie hat für uns Fahrkarten nach Omsk. Das nenne ich eine perfekte Organisation und alles mitten in Sibirien. Spätestens jetzt wird unsere anfängliche Skepsis (man denke nur an Moskau) wegen des Gutscheinsystems ausgeräumt. Bleibt noch reichlich Zeit, den komplett neu gebauten und in einem hervorragenden zustand befindlichen Bahnhof zu besichtigen. Hier gibt es sogar ein richtiges Stellwerk und was für eins. In gut 40 m Höhe befindet sich zwischen zwei Türmen eingeklemmt eine quadratische Kanzel. Nach einem kleinem Imbiss in der Bahnhofsgaststätte verabschieden wir uns von Tatjana, und gehen zu unserem auf Gleis 1 bereitgestellten Zug. Bis zur Abfahrt bleiben noch einige Minuten, die nutzen Martin und ich um bei unserem Abteilfenster den Durchblick zu verbessern. Was von Sergej und Sascha ,unseren Prowodniks, nur mit Kopfschütteln quittiert wird. Exakt um 8.20 Uhr verlassen wir mit unserem Zug 75 und einer Lok der Baureihe 2TE10M Tynda. Zug 75 muss was besseres sein - die Klimaanlage funktioniert. Maja beauftragen wir schon einmal Sergej und Sascha zu bearbeiten, damit wir gegebenenfalls das Fenster öffnen dürfen. Bei herrlichstem Sonnenschein und steigenden Temperaturen fahren wir durch eine Bilderbuchlandschaft, halt genauso wie man sich die Taiga vorstellt. Der Wagen ist nur schwach besetzt und seit dem Israeli haben wir in den Zügen auch keine Touristen mehr angetroffen. Bis - ja bis auf einmal zwei Kinder von vielleicht 8 oder 9 Jahren in der Tür stehen und uns auf deutsch ansprechen. Sie haben mit den Eltern ihre Oma, ich glaube aus Jakutsk, abgeholt und sind jetzt auf den Weg zurück nach Dortmund=Scharnhorst. Als ich das höre, falle ich fast vor Schreck aus meinem oberen Bett. Da fahren wir mitten durch Sibirien, fernab von jeder Zivilisation und trifft Leute aus Dortmund=Scharnhorst. Ich glaub ich spinne auch Martin ist ganz fertig, schließlich ist das fast in seiner Nachbarschaft. Der Vater ist gebbürtiger Kasache, die Mutter gebbürtige Russin. Die beiden Kinder wurden zwar in Kasachstan geboren, leben aber bereits seit fünf Jahren in Deutschland und sprechen Dialekt frei deutsch. Den Eltern hingegen merken wir aber noch einen Dialekt an. Bis Nowosibirsk werden sie mit dem Zug fahren, um ab dort mit dem Flugzeug nach Frankfurt/M. zufliegen. Na und wie sich das für Dortmunder natürlich gehört - BVB Fans. So kommt es, dass Mitten auf der BAM, im tiefsten Sibirien die Laola-Welle durch den Zug rollt !!! Von nun an ist es mit der sibirischen Ruhe vorbei. Gut zehn Minuten vor Plan erreichen wir Loptscha. Auf dem Nachbargleis steht ein Personenzug mit einer 2TE10M, wobei die Lok länger ist als der eine Personenwagen. Hinter unserem Zug setzt sich kurz drauf mächtig qualmend ein Güterzug mit einer 3TEM10M in Bewegung. Unser Wagen muss in Tynda neben einem Misthaufen gestanden haben, Hunderte von Sch...hausfliegen bevölkern den Wagen. Um die Zahl der Fliegen etwas zu dezimieren, schlage ich den beiden Kindern vor, dass es für jede in unserem Abteil getötete Fliege ein Bonbon gibt. Dies hätte ich besser nicht gemacht, innerhalb weniger Minuten wird unser ganzes Abteil zerlegt. Auch nach dem ich die Zahl der zu tötenden Fliegen auf 10 erhöht habe, bin ich in kürzester Zeit alle Bonbons los und um einige Dutzend toter Fliegen reicher. In Juktali hat unsere 2TE10M nach nur 377 km den Tank leer gefahren, zumindest wird sie gegen eine gleichen Typs ausgewechselt. Diesmal haben wir Glück, auf dem hintersten Gleis des ungefähr 10 Gleise umfassenden Güterbahnhof setzt sich fotogerecht ein Güterzug in Bewegung. Als Zuglok so ein Gigant auf Schienen - eine 3TEM10M, die bis zu 6000 Tonnen ziehen kann. Ein Abgastest währe hier sicherlich interessant, vor lauter Rauch ist von der Lok kaum etwas zu sehen. Am Nachmittag fahren wir, mit tollen Ausblicken auf die z.T. über 2000 m hohen Berge, flussaufwärts am Njukzha entlang, um nach zahlreichen Kurven bei Hani das Kalarskij Gebirge zu überqueren. Bei der Ankunft in Nowaja Tschara, wiederum einige Minuten vor Plan, dämmert es bereits. Das Empfangsgebäude ist hochmodern, um nicht zu sagen 'postmodern'.Partytime auf der BAM, zusammen mit den Dortmundern, Sascha und Sergej, reichlich Tomaten, Gurken einer Flasche Sekt und Kaviar geht auch dieser 19, Tag unserer Reise vorbei.

Der 20. Tag - Am Sljudjanskoe

Während ich noch zu schlafen versuche, sind Udo und Martin schon seit 4 Uhr 30 dabei herauszufinden, wo sich der 15,3 km lange, aber noch immer im Bau befindliche Tunnel von Severomuisk befindet, von dem uns die Dortmunder Familie erzählt hat. Dieser Tunnel ist auch heute noch einer der Knackpunkte der BAM. Fast wäre der Bau der Strecke daran gescheitert. Der extrem tiefe Bajkalsee und die bis zu 3000 m hohen Berge ringsum sind eines der Grabensysteme der Erde mit vielen Erdbeben und geologischen Problemzonen. Deshalb ist auch über diesen Tunnelbau Unterschiedliches zu erfahren. Selbst das Zugpersonal ist sich nicht einig, ob daran noch gebaut wird oder das Projekt nach einem großen Unglück aufgegeben wurde. Im ersten Tageslicht kann Udo aber feststellen, dass zumindest derzeit tatsächlich am Tunnel gebaut wird, ist doch eine gut beleuchtetes und belebtes Baulager am Tunnelmund deutlich zu sehen. Da die BAM unbedingt zehn Jahre nach Baubeginn (1974) fertig werden sollte, baute man mit großem Aufwand eine aus zahlreichen Kehrschleifen und Tunneln bestehende Strecke über den ca. 1100m Pass. Wegen der großen Steigungen auf der Nord- und Südrampe wurde die BAM relativ schnell bis Taksimo elektrifiziert. Von dort bis Tynda stehen bereits Betonmasten für die Oberleitung, an denen außen Stromversorgungsleitungen für die neuen Siedlungen hängen. Ich schalte mich erst nachdem wir den Gebirgspass hinter uns gelassen haben wieder ein, und Maja ist wie meistens sowieso vor 9 Uhr nicht wach zu bekommen. Seit Taksimo fahren wir also wieder mit einer WL 80, folglich blieb es uns leider verwehrt mit einer echten 'Taigatrommel' (2M62 oder M62) durch die Taiga zu trommeln. Bei schönstem Sonnenschein bewundern wir das alpine Panorama der Berge, die zum Teil noch mit Schnee bedeckt das Tal der oberen Angara begleiten. Wir fiebern dem Baikalsee entgegen, der uns schon wie ein Stück Heimat erscheint. Um 11.55 Uhr erreichen wir Sewerobajkalsk, die neue Stadt am Baikalsee, wo wir genau 24 Stunden Aufenthalt haben. Hier erwartet uns neben einem hochmodernen Bahnhof auch Pawel und Klawa, die sich um uns kümmern sollen. Wir verabschieden uns von den Dortmundern und machen uns gleich auf den Weg. Zunächst bringen wir unser Gepäck in ein Wohnheim. Dort beschließen wir, dass wir nicht hier, sondern an einem ca. 30 km südlich von Sewerobajkalsk gelegenem See, in einem Zelt oder Datscha übernachten möchten. Ob es in der Datscha wohl Strom gibt zum Nachladen ? Udo macht sich Sorgen um seine Akkus für den Camcorder, haben die in den letzten Tagen doch ganz schön Strom lassen müssen. Martin meint nur, Lenin hätte bereits gesagt 'Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung des Landes', somit wird es in der Datscha auch Strom geben. Für den Abend wird uns vorgeschlagen, am Feuer zu grillen, welches für uns eine willkommene Abwechslung ist. Wir nennen Pavel, was wir am Abend haben möchten, damit er die Sachen besorgen kann, leider gibt es keine Bratwurst von Kiefert (Beste Bratwurst der Welt - vor dem Bremer Hbf erhältlich) ! Zum Mittagessen fahren wir mit Klawa in eine private Gaststätte im Zentrum der Stadt. Eine interessante Speisekarte gibt es dort, alle Gerichte sind mit Fotos aus einer Sofort-Bild-Kamera dargestellt. Manche Fotos sind aber etwas unscharf, solange das aber keine Rückschlüsse auf das Essen zulässt, ist es uns egal. Das Essen ist gut und preiswert, wir verabreden uns für 15 Uhr mit Klawa am Bahnhof. Bis dahin haben wir noch 2 ½ Stunden Zeit, unserer Weg führt uns 'natürlich' in die nächste Buchhandlung. Martin bekommt dort zwar kein Landkarten, kann dafür jedoch einige Rollen Toilettenpapier erwerben. Ist irgendwie ja auch naheliegend !?! Der Bajkalsee kann vom Bahnhof nicht weit entfernt sein. Martin, Maja und ich gehen über die Fußgängerbrücke des Bahnhofs zum Ufer. Udo schreibt unterdessen im Bahnhof den Fahrplan ab. Ein Wahnsinnspanorama bietet sich uns am Steilufer: auf die Berge am anderen Ufer und den See, der sich nach Süden wie ein Meer am Horizont verliert. Zu unserem Erstaunen befindet sich unter uns ein Badestrand, auf dem viele Sibirer sonnenbaden und einige sogar Nassbaden. Bei 12 Grad Wassertemperatur ? Oder Klimaverschiebung auch schon hier ? Um 15 Uhr treffen wir uns am Bahnhof wieder, um mit dem Auto zu einer oberhalb der Stadt gelegenen Terrasse zu fahren. Hier wird uns einiges über die Stadt erzählt, unter anderem dass auch hier die Zahl der Einwohner in den letzten Jahren stark zurück gegangen ist. Den ursprünglichen Plan, einige heiße Quellen in der Nähe von Sewerobajkalsk zu besichtigen, lassen wir fallen, uns ist es schon heiß genug. Statt dessen besuchen wir das BAM-Museum, hier können wir, von Maja übersetzt, einiges über die BAM erfahren. Von einigen Teilstücken abgesehen, die man schon früher baute, wurde ab 1974 mit Hochdruck und großer propagandistischer Begleitung die Strecke durch die menschenleere Taiga gebaut. Am 27. Oktober 1984 wurde die BAM in Tynda mit dem Eintreffen der beiden Eröffnungszüge (aus Komsomolsk und Lena) feierlich in Betrieb genommen.Von Lena bis Komsomolsk misst die neugebaute Strecke 3136 km. Dieser Abschnitt ist eingleisig mit Ausnahme von zwei Steilrampen: Von Lena (km 719) bis Tschudnitschnyj (km 758) und von Mururin (km 1816) bis Chani (km 1863). Auf Udos besonderen Wunsch fahren wir im Anschluss an die Museumsbesichtigung zu einem in der Nähe gelegenen Tunnel der BAM. Auf der Fahrt dorthin stellen wir zu unserer Überraschung fest, dass es bis vor einigen Jahren noch eine alte Strecke am Bajkalsee entlang gegeben haben muss. Bis auf ein paar Anschlussgleisen wird das Gleis jedoch nicht mehr genutzt. Wurde doch ca. 100 m oberhalb dieser alten Strecke mit viel Aufwand eine neue gebaut. Der Tunnel ist noch bewacht, Klawa erkundigt sich beim Tunnelwächter ob ein Zug kommt, hoffentlich kommt jetzt keiner - läuft sie doch mitten im Motiv herum. Statt die nicht mehr benötigten Baugeräte zu verschrotten werden sie zum Denkmal umfunktioniert. Sowohl die Tunnelverschalung als auch eine Planierraupe wurden zum Denkmal der BAM. Weder jetzt noch später soll ein Zug kommen. Auch bei der anschließenden Stippvisite im Bahnbetriebswerk rührt sich nichts. Pech ! Wir fahren zum Wohnheim zurück und nehmen, bis auf Maja, unser Gepäck mit. Mit zwei klapprigen Ladas Martin und Udo im ersten Maja und Ich im zweiten Fahren wir los Richtung Sljudjanskoe. Die Straße, die in keiner Karte verzeichnet ist, wurde seinerzeit für den Bau der BAM angelegt. An einer Aussichtsplattform machen wir einen Fotohalt, wir haben einen grandiosen Blick über den Bajkalsee. Auf einem Baumstamm liegen zahlreiche Münzen, wie uns Pawel erklärt kann man sich was Wünschen, wenn man eine Münze dort hinlegt. Ich überlege, ob ich eine DM hinlege, lasse es aber doch, soviel Geld würde sicherlich nicht lange liegen bleiben. Die Fahrerin des ersten Wagens würde bei ihrem Fahrstil eine echte Konkurrenz für M. Schuhmacher sein. Nach einer abenteuerlichen Fahrt über eine noch abenteuerlicheren Straße erreichen wir (lebend) den See. Dieser ist durch eine schmale Landzunge vom Bajkalsee getrennt und liegt einsam im Wald. Nicht weit vom anderem Ufer entfernt ragen die über 2000 m hohen Berge des Bajkalskijhrebe auf. Auf einigen Gipfeln liegt sogar noch Schnee - einfach malerisch. Martin und Lenin haben recht, und Udo fällt ein Stein vom Herzen - es gibt tatsächlich Strom. Wir haben unser Gepäck noch nicht in der Datscha abgestellt, da hat Udo auch schon den ersten Akku angeschlossen. Zum ersten Mal benötige ich mein Insektenschutzmittel. Das Zeug stinkt allerdings so grässlich dass nicht nur die Mücken wegbleiben, sondern ich mich selbst nicht mehr riechen kann. Bis das Abendessen fertig ist haben wir noch zwei Stunden Zeit. Der eigentliche Bajkalsee ist nur wenige hundert Meter von unserer Datscha entfernt. Es ist windstill, der See liegt spiegelglatt vor uns - ein herrlicher Anblick. Nachdem wir vielleicht Hunderte von Steinen hinein geworfen haben, wird er sicherlich um einige Myriaden Millimeter gestiegen sein. Mir ist das Wasser doch etwas zu kalt, Martin und Maja lassen sich hingegen davon nicht abschrecken und schwimmen eine Runde. Udo sitzt etwas gelangweilt auf einem Baumstumpf und kann es wahrscheinlich gar nicht erwarten bis er wieder auf dem Bahnhof ist. Inzwischen dämmert es, und das Abendessen ist sicherlich auch schon fertig. Die Sonne versinkt hinter einem Bergrücken, während die Sichel des Mondes aufgeht. Zum Abendessen gibt es direkt vom Lagerfeuer; Borschtsch, Nudeln, Fisch, Würstchen, Gurken, Tomaten, Kekse und jedemenge heißen Tee. Als wir mit dem Essen fertig sind, ist es bereits Mitternacht. Zum Abschluss laden uns Pawel und Klawa zu einer Fahrt auf ihrem Katamaran ein. Ich - für solche verrückten Aktionen immer zu haben sage sofort zu, aber auch Maja findet die Idee toll. Martin und Udo lassen sich jedoch nicht begeistern und wollen statt dessen am Lagerfeuer Wache halten. Der Himmel ist sternenklar, so klar wie er in Deutschland wohl nirgends mehr zu sehen ist. Fast windstill gleiten wir lautlos über den See. Über uns die Sterne, am Ufer einige Lagerfeuer, sonst ist nichts zu hören und zu sehen. Wirklich schade, dass wir morgen schon weiterfahren müssen. Gut einer Stunde sind wir auf dem See unterwegs, mit meiner Taschenlampe leuchte ich in das kristallklare Wasser und kann sogar den Grund erkennen. Den Weg zurück orientieren wir uns an unserem Lagerfeuer am Ufer.Udo zieht die Nacht in der Datscha dem Zelt vor, Martin, Maja und ich, entscheiden uns aber für das Zelt.
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Der 21. Tag - Die Lena

Als ich aufwache, scheint die Sonne bereits durchs Zelt, eigentlich sollen wir um 8.00 Uhr frühstücken. Aber die Nacht war kurz, so wird es eine halbe Stunde später. Der See liegt nur wenige Meter vom Zelt entfernt, was liegt folglich näher als vorm Frühstück mit Maja eine runde zu schwimmen. Im Gegensatz zum Wasser des Bajkalsee ist das Wasser des Sljudjanskoe herrlich warm, noch verblüffender freilich erscheint mir, wie klar es ist.Trotz des Freibades probiere ich aber noch die supermoderne Dusche aus, immerhin Solarenergie beheizt, die sich hinter der Datscha befindet. Nach einem sehr umfangreichen Frühstück wird es Zeit, aufzubrechen und in die Stadt zurück zufahren. Maja hatte ja ihren Rucksack im Wohnheim gelassen, so fahren wir erst dort vorbei und anschließend weiter zum Bahnhof. Auf Gleis 1 steht bereits Zug 77 nach Moskau, mit dem wir bis Nowosibirsk fahren werden. Zuglok ist wie gewohnt eine WL 80. Unser Prowodnik sieht überhaupt nicht wie ein Russe aus, sondern eher wie ein italienischer Mafiosi. Das ist uns auch egal, denn welch freudige Überraschung lassen sich doch erstmals sowohl im Abteil als auch im Gang die Fenster öffnen. Wir verabschieden uns von Klawa und Pawel, und wie immer pünktlich um 12.38 Uhr verlassen wir Sewerobajkalsk und damit auch zum letzten Mal den Bajkalsee.Vor uns liegt nun die Überwindung der Bajkalskij Berge mit einer Höhe von über 2000 m. In stetiger Steigung fahren wir am Fluss Tyja entlang den Pass hinauf, um bei km 1021 durch einen erst vor wenigen Jahren fertiggestellten Kammtunnel (6.7 km lang) die andere Passseite zu erreichen. Vor dem Bau des Tunnels mussten die Züge hier die Berge überqueren, der Abzweig der alten inzwischen aufgelassenen Trasse ist noch deutlich zu erkennen. An einigen Stellen, wo die Sonne nicht hinscheint, können wir noch Schnee vom letzten Winter sehen, nach und nach wird die Landschaft wieder flacher. In Swesdnaja haben wir am späten Nachmittag unseren ersten langen Aufenthalt von über 30 Minuten, wobei wir unseren Gegenzug und etliche Güterzüge kreuzen. Es ist wahnsinnig heiß. Alle Leute im Zug sind froh, endlich mal aussteigen zu können. Die Lok wird nicht gewechselt, die Wagen aber mit Wasser betankt. Von einem Hang aus lässt sich unser Zug sehr gut fotografieren. Swesdnaja ist ein typischer BAM Bahnhof mit nur einem Bahnsteig, mehreren Überholgleisen und einem etwas klotzig wirkendem aus Bruchsteinen gebautem Empfangsgebäude. Sicherlich haben vor dem Bau der Eisenbahn hier noch keine Menschen gewohnt, denn die Häuser sind sehr neu und modern. Gegen halb acht Uhr abends sehen wir die Lena zum ersten Mal, welche hier noch recht schmal, aber bereits schiffbar ist. Kaum vorstellbar, dass wenn dieser Fluss einige tausend Kilometer weiter ins Polarmeer mündet, er der größte Sibiriens sein wird. Hoch über dem tief eingeschnittenen Tal folgen wir dem Fluss, um ihn einige Kilometer vor Erreichen der Stadt Lena auf einer großen eingleisigen Brücke (km 735) zu überqueren. In einem etwas besserem Schritttempo durchfahren wir ausgedehnte Industrieanlagen und Tanklager. Lena scheint der wichtige Umschlagplatz zwischen der Eisenbahn und der Flussschifffahrt nach dem Norden zu sein. Das Wasser der Lena ist wohl recht warm (und sauber ?), baden doch viele Kinder in ihm. Um kurz vor 20 Uhr kommen wir im Bahnhof zum Stehen. Bei der Einfahrt hatten wir auf dem Bahnsteig einen Eisverkäufer entdeckt, der sicherlich das Geschäft seines Lebens wittert. Fünfundzwanzig Minuten Aufenthalt, Zeit genug für Maja uns allen Eis zu kaufen. Udo und ich sehen unterdessen nach, was sich an der Zugspitze tut: nicht viel; unsere WL 80 wird gegen eine gleichen Typs ausgetauscht. Wie bereits vermutet ist der Andrang beim Eisverkäufer immens, Maja bekommt nur noch eine große Familienpackung. Nicht nur die Römer spinnen, sage ich, als ich feststellte, wo das Eis herkommt; 'Made in Belgium' liegt ja auch 'nur' 8000 km von hier entfernt. Martin verzichtet auf seinen Anteil, so schlagen wir drei erbarmungslos zu. 

Der 22. Tag - Goldzähne

Um halb zehn Uhr morgens heißt es Abschied nehmen von der Bajkal-Amur Magistrale, wir erreichen den Bahnhof von Taischet. Hier ist der Bahnsteighandel verboten, der Einkauf von Gurken und Tomaten misslingt, weil sich ein Milizionär nähert.Lokwechsel endlich mal was anderes als WL 80, eine WL 60 übernimmt uns. Ab hier fahren wir wieder auf der Transsib weiter, die von uns erst in Omsk wieder verlassen werden wird. Den Streckenabschnitt kannten wir bereits von der Hinfahrt, bleibt folglich genügend Zeit, mal was anderes zu machen als Kilometersteine zu zählen. Udo und Martin können sich trotzdem nicht an der nun doch recht flachen Landschaft satt sehen um die Strecke zu beobachten. In Ilanskaja müssen wir die Uhr erneut eine Stunde zurück stellen. Obwohl wir über 4500 Kilometer von Moskau entfernt sind, kommt es uns vor, als befänden wir uns schon in dessen Einzugsgebiet, hat die Besiedlung im Vergleich zu den Regionen östlich des Bajkalsees doch stark zugenommen. Maja und ich verbringen die meiste Zeit des Tages mit Kartenspielen, worin ich allerdings kaum zu schlagen bin. Beim anschließendem Schiffeversenken habe ich jedoch keine Chance. Im Nu ist meine ganze Flotte versenkt. Maja ist heute alleine in den Speisewagen gegangen. Als sie zurückkommt, empfiehlt sie ihn uns. Die Kellnerin hat sie schon 'vorgewarnt', wir gehen also in den Speisewagen. Damit die Verhandlungen einfacher werden, schreibt Maja uns auf einen Zettel, was wir alles bestellen können. Im Speisewagen angekommen sind wir positiv überrascht, keine Kisten, keine zugezogenen Gardinen, selbst die Klimaanlage funktioniert. Wir sitzen kaum, da kommt die Kellnerin und lacht uns an. Die hat mehr Gold im Mund als so manche Bank in ihrem Safe. Goldzähne müssen hier in Russland zur Zeit der letzte Schrei sein. Anhand von Majas Aufzeichnungen bestellen wir; dreimal Borschtsch, dreimal Limonade, dreimal Brot und dreimal - na was wohl - Tomatengurkensalat natürlich. In Krasnojarsk haben wir 25 Minuten Aufenthalt, eine willkommene Gelegenheit, sich die Beine vom vielen Sitzen zu vertreten und sich auf dem Bahnhof umzusehen. Unsere Wagen werden mit Wasser betankt und die Lok gegen eine derselben Baureihe getauscht. Krasnojarsk ist ein großer Bahnhof mit mindestens 10 Bahnsteigleisen, von einer Fußgängerbrücke über den Gleisen kann ich den regen Betrieb im Bahnhof gut beobachten. Hier gibt es auch wieder die Babuschkas, bei denen wir unsere Vorräte ergänzen können.

Der 23. Tag - Nowosibirsk

Bereits um 4.30 Uhr sollen wir in Nowosibirsk ankommen, fragt sich nur, wann ist es 4.30 Uhr ? Inzwischen bin ich durch die vielen Zeitzonen völlig durcheinander gekommen, so bin ich doch tatsächlich eine Stunde zu früh aufgestanden. Das Wetter ist bei unserer Ankunft, wie bei der Hinfahrt, schlecht, es regnet in Strömen. Schutz vor dem Regen finden wir fürs erste in der Bahnhofshalle, Maja versucht unterdessen nach Hause zu telefonieren, aber ohne Erfolg. Wir kaufen noch einen Stadtplan ohne Straßenbahn - dafür mit einer Metro. Bücher über den Bau von Elektrolokomotiven können wir problemlos kaufen, Informationen über öffentliche Verkehrsmittel sind aber nirgends zu bekommen. Das Einzige, was wir über unser Hotel hier wissen ist, dass es 'Sibir' heißt. Der Regen hat noch nicht nachgelassen, folglich erscheint es uns angebrachter ein Taxi zunehmen. Es findet sich nur keiner, der uns fahren will, angeblich würde es sich nicht lohnen. Wir haben die Suche fast aufgegeben als sich doch jemand entschließt uns zu fahren. Es hat sich wirklich nicht gelohnt, unser Hotel ist kaum 1000 m vom Bahnhof entfernt und liegt direkt neben der Eisenbahn. Das Hotel Sibir ist ein sehr neues und modernes Hotel welches nicht älter als fünf Jahre sein kann. Obwohl es noch keine 6 Uhr ist, können wir bereits unsere Zimmer im 12 Stock beziehen. Ein typisches Intourist Zimmer, der einzige Unterschied zu den Hotels in Listwjanka, Irkutsk und Chabarowsk ist die Sicht auf die Hauptstrecke mit dem dahinter fließendem Ob. Müde von der kurzen Nacht nehmen wir, nach dem Duschen erst noch mal eine Mütze Schlaf. Um neun gibt es Frühstück, welches 35 000 Rubel pro Person kosteten soll. Das ist selbst für uns sehr teuer. Wir haben gerade Platz genommen da kommt die Dame vom Einlass und gibt uns die Rubel wieder zurück. Angeblich ist das Frühstück schon bezahlt. Bestellt und bezahlt haben wir bei Lernidee eigentlich nur das Frühstück von Morgen und Übermorgen. Aber weil es uns schon angeboten wird, sagen wir natürlich nicht nein. Selbstverständlich gibt es auch hier das nun schon klassische Intourist-Frühstück, zwei kleine Brötchen, ein Stück Kuchen, eine Portion Butter, eine Tasse Kaffee, ein Glas Saft, je zwei Scheiben Wurst und Käse, eine Frikadelle und eine Portion Marmelade. Von Stunde zu Stunde wird auch das Wetter besser, gelegentlich kommt sogar die Sonne hervor. Udo hat sich vorgenommen, morgen mit dem Zug nach Tomsk zu fahren. So gehen wir zum Bahnhof und suchen den Infoschalter. Es dauert eine Weile, bis Maja für Udo die passende Zugverbindung und Fahrkarte bekommt. Für den Nachmittag nehmen wir uns vor, mit der Elektritschka die südliche Eisenbahnbrücke über den Ob zu befahren, die überwiegend von Güterzügen benutzt wird. Wir verabredeten uns für 15 Uhr auf dem Bahnhof. Udo macht sich auf den Weg, um die Straßenbahn zu suchen und Maja um sicherlich ein paar Bücher zu kaufen. Martin und ich gedenken noch etwas Geld wechseln. Vor dem Bahnhof befinden sich Dutzende von Verkaufsständen wo man von der Video-Raubkopie bis zum Trockenfisch alles bekommen kann. Unter den Ständen befindet sich auch ein Wechselstube, welche aber nicht besonders Vertrauend erweckend aussieht. Wir versuchen es deshalb im Hotel-Nowosibirsk gegenüber dem Bahnhof. Dort ist gerade die 'Mafia' damit beschäftigt, gleich mehrere mit Rubeln gefüllte Sporttaschen in eine harte Währung zu tauschen. Die Typen die 'Schmiere' stehen machen eine noch weniger vertrauenswürdigen Eindruck als die Bude vorm Bahnhof. Aus diesem Grund tauschen wir doch am Bahnhofsvorplatz und gehen anschließend zum Hotel zurück. Am Mittag treffen wir dort auf Maja, auf der Suche nach einem Mittagessen werden wir in der Gaststätte des Hotels 'Nowosibirsk' fündig. Im Anschluss an das Mittagessen geht es zum Bahnhof, wo Udo schon auf uns wartet. Maja gönnen wir einen freien Nachmittag und wir drei nehmen die Elektritschka nach Ob. Dort angekommen sehen wir uns sofort nach dem Anschluss um. Aber es ist kein Zug zusehen, Udo und Martin versuchen im Bahnhof genaueres über den Zug in Erfahrung zu bringen. Enttäuscht kommen sie zurück, haben sie doch festgestellt dass die Elektritschka über die südliche Brücke nur Montags bis Freitags fährt. Nach einigen Fotos von durchfahrenden Güterzügen, bleibt uns nichts anderes übrig, als nach Nowosibirsk zurück zu Fahren. Udo und Martin befahren noch eine weitere Güterumgehung mit der Elektritschka. Das Wetter hat sich im Laufe des Nachmittags ständig verbessert, inzwischen ist es fast wolkenlos. Ideales Fotowetter, genau richtig sich auf dem größten Bahnhof Sibiriens, ein wenig umzusehen und einige Fotos zu machen. Der Bahnhof ist ein wichtiger Eisenbahnknoten der Strecken nach Kasachstan, Mittelasien und Ostsibirien. Das Bahnhofsgebäude wurde in den 30er Jahren gebaut und soll von der Seite aus wie die Silhouette einer Dampflok aussehen. Es gibt vier Bahnsteige, die sowohl durch eine Unterführung als auch durch eine Fußgängerbrücke verbunden sind. Das Überqueren der Gleise ist offiziell verboten. Das hindert aber niemanden daran, die Gleise wann auch immer zu überqueren. Selbst ein im Weg stehender Zug ist kein Hindernis, wird er doch einfach unterquert. Dies ist zum Fotografieren sehr nützlich, kann ich mich doch so hinstellen, wo ich will. Dies hat allerdings auch den Haken, dass einem ständig Leute ins Motiv laufen können. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, so voll sind bei uns die Bahnhöfe noch nicht einmal am Sonntag Nachmittag.Gegen 21 Uhr treffen Martin, Udo und Maja wieder im Hotel ein. Keiner hat mehr richtige Lust um diese Zeit noch nach einer Gaststätte zu suchen. Weshalb wir unser Glück im Hotel Restaurant versuchen. Wir haben einen etwas unglücklichen Zeitpunkt erwischt, an den Nebentischen wird gerade Hochzeit gefeiert. Das Personal ist völlig überlastet, nach über ½ Stunde bequemt sich doch noch jemand, uns zu bedienen. Die Speisekarte bietet einige ganz brauchbare Gerichte, erhalten tun wir jedoch nur Schaschlik und dazu was auch sonst - ein Salatplatte aus Gurken und Tomaten. Obwohl wir vermuten dass es sich um Reste des Hochzeitsmenüs handeln muss, dauert es immer noch eine Ewigkeit, bis wir die die fast kalten Schaschliks bekommen. Wenn der Preis wenigstes stimmen würde. Am Bahnhof hätten wir für ein Schaschlik einem Bruchteil dessen bezahlt, was hier verlangt wird.

Der 24. Tag - Tramway

Udo ist bereits um 5 Uhr Morgens mit dem Zug nach Tomsk aufgebrochen und wird auch kaum vor 23 Uhr wieder zurück sein. Wir haben also den ganzen Tag für uns und können uns mal wieder so richtig Ausschlafen. Um neun gehen wir aber doch Frühstücken. Weil es für Udo um fünf noch kein Frühstück gab, haben wir ein Frühstück mehr. Für mich ist es natürlich kein Problem, dies auch noch zu verdrücken. Heute soll es zur Abwechslung mal ganz kulturell werden, mit der Metro fahren wir vom Bahnhof zur Station Oktjabrskaja, Bedauerlicherweise ist das Kulturmuseum an diesem Sonntag geschlossen. Dem Krasnyj Prospekt folgend erreichen wir das Ufer des Ob, von wo es einen guten Blick auf die Eisenbahnbrücke gibt, was für einige Bilder genutzt wird. Der Ob, der hier sicherlich 1000 Meter breit ist, ist mit seiner Länge von über 5500 Kilometern einer der längsten Flüsse der Welt. Bis zum Flussbahnhof ist es nicht weit, und eine Bootsfahrt über den Ob wäre doch eine willkommene Abwechslung. Nach einigem Suchen findet sich auch ein Fahrplan, wonach um 15 Uhr ein Ausflugsschiff ablegen soll. Und so ist es dann auch. Zahlreiche Nowosibirsker nutzen ebenfalls das herrliche Sonntagswetter für einen Ausflug, der mit einen Fahrpreis von 500 Rubeln wahrlich nicht teuer ist. Moskwa 15 heißt das Schiff und wurde auf einer Werft in Nowosibirsk gebaut. Die Rundfahrt führt uns stromaufwärts und damit zu der Eisenbahnbrücke, die wir am Tag zuvor befahren wollten. Immerhin können Martin und ich so wenigstes einige Fotos von der Brücke machen. Im Gegensatz zu der Eisenbahnbrücke an der Transsib ist hier das zweite Gleis in betrieb. Seit dem Frühstück haben wir nichts mehr gegessen, in dem am Flussbahnhof gelegenen Hotel soll es aber ein Restaurant geben. Das Restaurant ist doch mehr ein Schnellimbiss, dafür ist es billig, und die Bockwürstchen mit Gurkensalat schmecken richtig gut. Bevor wir gehen, kauft Maja noch einen Rumkuchen, der - ich will es kaum glauben - aus Soest kommt. An der Metrostation 'Flussbahnhof' trennen sich unsere Wege, nicht ohne uns um 20.15 Uhr am Hotel 'Nowosibirsk' zum Abendessen zu verabreden. Maja fährt mit der Metro in Richtung Innenstadt, Martin und ich zum Endpunkt der Linie 1 zum Platz Marksa. Die Metro besteht aus zwei Linien, Linie 1 hat 6 Zwischenstationen und führt unterirdisch von Saelzowskaja zum Platz Marksa auf der anderen Seite des Ob. Nur der Ob wird mittels einer rundum geschlossenen Brücke oberirdisch überquert. Linie 2 hat gar keine Zwischenstation und bindet lediglich den Hauptbahnhof an die Station Krasnyj Prospekt/Sibirskaja der Linie 1 an. Für die Metro erhalten wir die Fahrchips an Kassen die auf jeder Station vorhanden sind. Nach dem Einwurf des Chips in die Bahnsteigsperren haben wir unbegrenzte Fahrt bis zum Verlassen einer Station. Der Fahrpreis für die Metro beträgt 600 Rubel. Martin will nur die Metro abfahren und dreht am Platz Marksa gleich wieder um. Ich jedoch habe mir vorgenommen, anhand einer von Udo am Tag zuvor erstellten Skizze die Straßenbahn zu befahren. Die Fahrscheine für die Tram bekomme ich im Wagen bei der Schaffnerin, diese werden auch von ihr sofort entwertet. Es läuft auch ohne Probleme, und so sind die auch von Udo befahrenen Linien 1,3 und 4 schnell abgehakt. Es gibt aber noch die große unbekannte Linie 9, die Udo mangels Zeit nicht mehr befahren konnte. Ich komme mir vor wie C. Kolumbus im Jahre 1492, nur dass ich nicht Amerika sondern die Straßenbahn von Nowosibirsk entdecke. Ich habe zwar einen Stadtplan aber ohne Linien der Straßenbahn. Neben der Linie 9 fährt hier auch die 10, von links münden schon wieder Gleise ein, dann auch noch von rechts. Entgegen kommen mir Fahrzeuge der Linien 15, 18 und 19 woher und wohin sie fahren - keine Ahnung. Links zweigen schon wieder Gleise ab, es dürfte die Linie 7 sein, zumindest steht das an der Tram. Ist das ganze Stadtzentrum nahezu straßenbahnfrei, muss ich hier in ein Wespennest von Straßenbahnlinien gestoßen sein. Jetzt mache ich mir doch Sorgen, ob ich überhaupt noch pünktlich zum Abendessen sein werde, meine Linie 9 nimmt einfach kein Ende. Zumindest die 9 will ich bis zur Endstelle abfahren. Endlich, in der Nähe der Hauptstrecke kommt für Linie 9 die Wendeschleife, eine andere Linie führt hier aber noch weiter, wie weit und wohin bleibt unbekannt. Nach gut einer Stunde bin ich wieder an der Metro Station Marksa angekommen. Den letzten Kilometer muss ich allerdings zu Fuß gehen, irgend wo ist mal wieder eine Betriebsunterbrechung. Wahrscheinlich wurden durch den Bau der Metro die Straßenbahnlinien im Stadtzentrum und am Hauptbahnhof alle bereits vor längerer Zeit stillgelegt. Es ist halb neun, pünktlich zum Abendessen kann ich jetzt sowieso nicht mehr sein, und die Metro will ich auch noch abfahren. Mit genau 45 Minuten Verspätung treffe ich am Hotel 'Nowosibirsk' ein, wo Martin immer noch auf mich wartet. Seine Elektritschka ist auch später zurück gewesen als ursprünglich gedacht. Maja unternimmt im Bahnhof einen neuen Versuch zu Hause anzurufen.Erst sieht es so aus als, würde das Restaurant um 21 Uhr schließen, aber dies ist nur Theorie. Zu Essen bekommen wir zwar nur Pizza, aber immer noch billiger und besser als am Abend zuvor.

Der 25. Tag - Omsk

Heute heißt es Abschied nehmen von Nowosibirsk. Wegen des schönen Wetters gehen wir nach dem Frühstück den kurzen Weg zu Fuß zum Bahnhof. Auf Gleis 4 steht Zug 81 nach Wolgograd, den wir bis Omsk benutzen werden. Neun Stunden oder 624 Kilometer werden wir nur mit diesen Zug fahren. Wir fragen uns, ob es sich überhaupt lohnt, sich für eine so kurze Zeit hinzusetzen. Wir setzen uns aber dennoch und um 9.50 Uhr verlassen wir mit einer TschS 2 an der Spitze den Bahnhof von Nowosibirsk. Warum ich bei der Vorbereitung der Fahrt ausgerechnet für diesen Abschnitt einen Tageszug aussuchte bliebt mir ein Rätsel. Handelt es sich doch um den langweiligsten Abschnitt der ganzen Transsib. Die Barabinskaja Steppe ist so flach, dass selbst Wasser hier Schwierigkeiten hat abzufließen. Zahlreiche mehr oder weniger ausgetrocknete Salzseen säumen die Landschaft links und rechts der Strecke. Einzige Abwechslung bietet um 14.21 Uhr der 15 Minuten Halt in Barabinsk, wo unsere Lok gegen eine der selben Baureihe gewechselt wird. Einer pünktlichen Ankunft in Omsk steht nichts mehr im Wege. Dort angekommen, müssen wir uns mit dem Aussteigen beeilen, wird der Zug doch geradezu von Reisenden gestürmt. Auf dem Bahnhofsvorplatz bauen wir eine Rucksackburg, Maja erkundigt sich sofort nach unserem Hotel 'Majak', aber niemand kennt es. Bis Maja nach einer Weile zurück kommt und meint, dass am Hauptausgang eine Frau und ein Mann mit einem Auto von Intourist stehen und auf drei Deutsche warten. Sehr merkwürdig haben wir doch für hier gar keinen Transfer bei Lernidee bestellt. Aber überprüfen können wir das ja mal und wie sich herausstellt, wartet man tatsächlich auf uns. Wie wir bei einer ausgiebigen Stadtrundfahrt erfahren, hat Omsk rund 1 Millionen Einwohner, wovon wiederum 3 % deutschstämmig sind. Für die 3 % Deutsche wurde soeben eine, von deutschen Steuergelder bezahlte, Kirche fertiggestellt. In keiner anderen Stadt zuvor haben wir soviel hervorragend restaurierte Gebäude angetroffen. Ich habe immer noch den Verdacht, dass nicht wir sondern irgend welche offiziellen Vertreter aus Deutschland gemeint sind. Das Hotel 'Majak' ist von allen Hotels unserer Reise das kleinste und für Intourist völlig untypisch. Es liegt unmittelbar an der Mündung des Om in den Irtysch und ist im Flussbahnhof untergebracht. Jeder bekommt ein Einzelzimmer, auch dies wurde von uns nicht bestellt. Die Zimmer sind groß, noch größer ist der Kühlschrank, ein wahres Monstrum, welcher zudem einen Wahnsinns lärm macht. Ich ziehe daher sofort den Stecker raus. Wir versammeln uns am Eingang wo wir erfahren das es morgen um 8.30 Uhr Frühstück geben wird. Selbst dies hat irgend ein Gönner für uns schon bezahlt. Um das vorhandene Straßenbahnnetz noch zu befahren, ist es bereits zu spät, dies sieht selbst Udo ein. Wir entschließen uns, wenigstens einen kleinen Stadtrundgang zumachen. Ein Foto von der Straßenbahn auf der Ombrücke machen wir aber dennoch. Was steht da an einer Straßenkreuzung ? Wir trauen unseren Augen nicht. Ein Bus des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) noch mit Original Beschriftung; Linie 145 nach Farmsen. Leider ist der Bus so schnell wieder weitergefahren, dass zum Fotografieren keine Zeit bleibt. Die Innenstadt ist zum größten Teil bereits mustergültig restauriert, an manchen Stellen wird sogar noch zu dieser späten Stunde gearbeitet (Schwarzarbeit in Sibirien ?). Durch einen sehr schönen Park kommen wir an die Mündung des Om, dort am Fährhafen herrscht noch reges Treiben. Langsam wird es dunkel, und wir suchen die von unseren Intourist-Mitarbeiter empfohlene Gaststätte auf. Auch diese Gaststätte ist in Privatbesitz, was schon die halbe 'Miete' für ein gutes (teures) Abendessen ist. Ins 'Majak' zurück gekehrt gehen wir gleich auf unsere Zimmer, ist dies doch unsere letzte Nacht in einem Hotel. Das nächste, stehende, Bett werde ich erst wieder in fünf Tagen Zuhause bekommen.

Der 26. Tag - Durch Kasachstan

Das Frühstück ist, wie auch der Frühstücksraum, etwas kurios und völlig anders, als wir es bisher bei Intourist gewohnt sind.Zum Bahnhof werden wir wieder mit dem Wagen von Intourist gefahren. Von hier soll es um 10.29 Uhr mit Deutschlands längster Kurswagenverbindung bis ins 5007 km entfernte Berlin gehen. Ich liebe diese langen Zugfahrten ! Fünf Tage, vier Nächte ohne Umsteigen, durch vier Staaten in ein und demselben Wagen, der einem zur Heimat wird. Jeder hat sein Bett, seine Ecke im rollenden Hotel. Was ist dagegen schon eine Fahrt mit dem ICE von Kassel nach Würzburg. Kaum ist man in Fulda wartet man schon aufs Ankommen. Hier gibt es kein Warten. Auf Gleis 3 fährt Zug 177 nach Kislowodsk ein, unser Kurswagen mit der Nummer 21 nach Berlin wird am Schluss angehängt. Die von uns gehegte Hoffnung, dass Wagen 21 nicht voll werden wird, ist beim Anblick der Massen, die vor dem Wagen stehen schnell ausgeräumt. Wenn die alle mitwollen, kann das ja noch lustig werden. Udo versucht in den Wagen zukommen, was jedoch gar nicht so einfach ist. Martin und ich passen auf das Gepäck auf, während Maja für uns im Bahnhof noch ein paar Ansichtskarten von der Transsib. kauft. Udo kann sich sogar bis zu unserm Abteil 2 durchkämpfen, andere Fahrgäste aber auch. 10.15 Uhr, Maja ist immer noch nicht zurück. Udo ruft mir zu, dass es Probleme mit unserem Abteil gibt. Bevor unsere Plätze weiter verkauft werden, versuche ich auch in den Wagen zu kommen. Das totale Chaos und das obwohl die Prowodniks beim Einsteigen die Fahrkarten genau kontrollieren. Die Einen, so wie ich, wollen überhaupt erst einmal in den Wagen kommen. Da möchten Andere schon wieder aussteigen, um sich von ihrem Gefolge zu verabschieden - diese Gepäckberge einfach Wahnsinn. Im Abteil angekommen steht doch tatsächlich eine Frau mit ihrem Gepäck in 'unserem' Abteil. Höflich aber bestimmt mache ich Sie darauf aufmerksam, dass sie 'unser' Abteil bitte zu verlassen hat. Da kann ja jeder kommen und behaupten es wäre sein Abteil. Maja ist wieder zurück und kämpft sich zusammen mit Martin und Udo in den Wagen. Pünktlich um 10.29 Ortszeit und 5.29 deutscher Zeit setzt sich Zug 177 mit Elektrolok TschS 2 in Bewegung. Ich bin ja schon einige Abschiedsszenen von den Zügen in die DDR gewöhnt, aber dies übertrifft alles. Nicht nur der ganze Wagen sondern auch das ganze Gefolge auf dem Bahnsteig sind am Weinen. Für die einen ist es ein Abschied für immer (Aussiedler), für die anderen zumindest für lange lange Zeit. Wenige Minuten nach der Abfahrt überqueren wir auf einer Stahlbrücke den Irtysch. Da unser Wagen am Zugschluss läuft haben wir zum ersten Mal eine optimale Streckensicht. Indessen hat sich das Durcheinander im Wagen gelegt. Wo die bloß ihr ganzes Gepäck gelassen haben ? Gegen Mittag erreichen wir vermutlich bei Kilometer 2740 Kasachstan, von einer Grenze ist ebenso wenig zu sehen, wie von einer Grenzkontrolle. Der einzige längere Halt in Kasachstan ist am Nachmittag in Petropawlowsk. Von uns ist zuvor noch niemand in Kasachstan gewesen, daher nutzen wir die Gelegenheit natürlich zu einem Ausstieg. Auch hier gibt es die fliegenden Händler neben den üblichen Lebensmitteln kann man sogar Klappfahrräder kaufen. Maja spielt tatsächlich mit dem Gedanken, eins zu kaufen sind sie doch erheblich billiger als in Russland. Sie kauft es aber doch nicht, bei ihrem vielen Gepäck hätte sie das auch gar nicht mehr transportieren können. Genauso unspektakulär wie wir eingereist sind, verlassen wir bei Kilometer 2565 Kasachstan, ohne Grenzpfahl, Zaun, Wachposten oder sonst ein Hinweis auf eine Staatsgrenze. In Kurgan gibt es nach 570 Kilometern den ersten Lokwechsel, von nun an fahren wir mit einer bei Skoda in Tschechien gebauten TschS 7 weiter.Um 22.16 Uhr erreichen wir den Bahnhof von Tscheljabinsk, 36 Minuten Aufenthalt. Zum Fotografieren ist es leider zu dunkel. Es ist ein großer Bahnhof mit einer überdachten Bahnsteigüberführung und einem riesigen Empfangsgebäude. Die Luft hat sich kein bisschen abgekühlt, Maja hofft sich hier mit einer Bekannten zu treffen, welche sie zuvor durch einem Brief über ihre Durchfahrt Informiert hat. Der Brief wird nicht rechtzeitig angekommen sein, denn niemand ist da.

Der 27. Tag - Die Wolga

Den sicherlich schönsten Streckenabschnitt über den Ural, haben wir leider bei Nacht befahren. Folglich bekommen wir am frühen Morgen bei Ufa, nein nein Filme wurden hier nie produziert, nur noch die letzten Hügel zu sehen. In der Nacht wurde in Ust-Kataw unsere Lok gegen eine WL 10 getauscht. Dies wird der längste Tag unserer Reise werden, müssen wir doch gleich zwei mal unsere Uhren um je eine Stunde zurück stellen. Dies ist mal wieder so richtig ein Tag, um das Bahnfahren zu genießen. Was würde ich wohl heute ohne meinen Walkman machen ? Obwohl es draußen Heiß und Sonnig ist  wurde es uns im Wagen sogar zu kalt, zeigt die Klimaanlage doch jetzt, was sie kann. Wir sind immer froh wenn wir den Zug mal verlassen können. Längeren Aufenthalt haben wir jedoch nur in Abdulino und Samara, der natürlich zur Kontrolle des Zuges und der Lok genutzt werden. Einige Kilometer vor Syzran überqueren wir auf einer langen eingleisigen Brücke die Wolga. Im Gegensatz zu unserer ersten Fahrt über die Wolga bei Jaroslawl auf der Hinfahrt, ist die Wolga hier um ein vielfaches breiter. Von Kazan bis Zarizyn fließt die Wolga praktisch von einer Staustufe in die Nächste und bildet so ein See an dem anderen. In Sysran-Gorod verlässt unsere WL 10 den Zug und wird durch eine Diesellok des Typs 2TE10M ersetzt. Am Abend verabschiedet sich fürs erste das schöne Wetter, welches uns seit Nowosibirsk begleitet hat und macht einem nicht gerade kleinem Unwetter Platz.

Der 28. Tag - Abschied

Das Unwetter haben wir am morgen hinter uns gelassen und die Sonne scheint wieder. Unser Wagen steht bereits seit fast 5 Stunden in Saratow, hier hat der Kurswagen den Zug 177 nach Kislowodsk verlassen. Hier wird uns auch Maja wieder verlassen, daher ist die Stimmung etwas gedrückt. Um 9.35 Uhr wird ihr Zug nach Nishnij-Nowgorod den Bahnhof von Saratow verlassen. bis dahin haben wir noch Zeit mit ihr letzte Einkäufe zu tätigen. Unser Zug 69 nach Berlin wird erst um 10.45 Saratow verlassen. Aus dem Wagen zu kommen ist leichter gesagt als getan, steht er doch nicht am Bahnsteig sondern mit den anderen Wagen aus Akmola in der Abstellgruppe. Die Toiletten sind infolgedessen natürlich abgeschlossen. Bei der Eisenbahn meint man anscheinend; wenn sich die Reisenden schon nicht waschen können, soll wenigstens der Zug sauber sein. So kommt es, dass nach einiger Rangiererei der komplette Zug vollbesetzt durch die örtliche Waschanlage geschoben wird. Die ganze Prozedur dauert gut eine ¾ Stunde, gegen acht Uhr können wir dann endlich den Wagen verlassen. Der Weg führt uns zu den sanitären Einrichtungen des Bahnhofs. Nachdem Udo mir aber den Zustand schildert, verzichte ich jedoch auf eine Nutzung und hoffe auf unseren Wagen. Für die letzten 2 ½ Tage benötigen wir noch Proviant, bei der großen Auswahl an Verkaufsbuden auf dem Bahnhofsvorplatz kein Problem. Neben Tomaten, Gurken, Brot, Kuchen, Käse, Pepsi-Cola kaufen wir noch einen Stadtplan, auch wenn wir ihn diesmal nicht brauchen werden. Eine Straßenbahn ist am Bahnhof nicht zusehen, dass es eine gibt ging aus dem Stadtplan hervor. Schwer bepackt gehen wir zurück zu unserem Wagen, um den Proviant zu verstauen und Majas Gepäck abzuholen. Der Zug steht immer noch in der Abstellgruppe. Aber da das Überschreiten der Gleisanlagen in Russland kein Problem ist, erreichen wir unseren Wagen ohne Umwege. Der Zug nach Nishnij-Nowgorod soll in ½ Stunde abfahren, weswegen wir gleich wieder mit Majas Sachen zurück gehen. Auf Gleis 5 rollt soeben ihr Zug aus Astrachan mit einer Diesellok vom Typ TEP 60 ein, die hier gegen eine TschS 4 gewechselt wird. Nach 26 Tagen heißt es Abschied nehmen von Maja. Pünktlich um 9.35 Uhr setzt sich ihr Zug, mit dem sie ohne Umsteigen direkt nach Nishnij-Nowgorod fahren kann, in Bewegung. Irgend wie ist damit auch für uns drei der Urlaub zu Ende. Bis zu unserer Abfahrt haben wir noch 70 Minuten Zeit, um uns auf dem Bahnhof umzusehen. Interessante Motive gibt es reichlich nicht zuletzt wegen der Baureihe TEP 60, die wir zuvor noch nicht vor die Linse bekommen haben. Eine halbe Stunde vor Abfahrt wird auch unser Zug 69 aus der Abstellgruppe an den Hausbahnsteig gezogen. Nachdem Foto von der Zuglok, eine WL 80, steigen wir ein zur letzten Etappe. Nachdem Maja ausgestiegen ist, ist bei uns ein Platz frei geworden, den kann jetzt die Frau einnehmen, die seit Omsk behelfsmäßig bei unseren Prowodniks untergebracht war. Sie ist auf den Weg ins Saarland und hat ihre alte Heimat in der Nähe von Omsk besucht. Gewohnt pünktlich setzt sich unser 18 Wagenzug um 10.45 Uhr in Bewegung. Nächster längerer halt ist von 14.11 bis 14.27 Uhr in Rtistschewo, welches wir einige Minuten vor Plan erreichen. Zu unserem Erstaunen steht auf dem Nebengleis doch tatsächlich noch Majas Zug nach Nishnij-Nowgorod. Obwohl ihr Zug über eine Stunde früher abgefahren ist, haben wir ihn wieder eingeholt. Ein Grund dafür mag der Fahrtrichtungswechsel sein, ein anderer das unser Zug dessen Fahrstraße bei der Einfahrt gekreuzt hat. Ihr Zug setzt sich wenige Minuten nach unsrer Ankunft in Bewegung. So gibt es nur ein - wenn auch kurzes - Wiedersehen an der Tür.Unser Zug wird ab hier überraschend von einer Diesellok der Baureihe 2TE übernommen, die wir bis Mitschurinsk behalten. Dort - inzwischen ist es 19 Uhr durch - haben wir Fahrtrichtungswechsel, denn der Bahnhof ist ein gut getarnter Kopfbahnhof. Weiter fahren wir mit einer Elektrolok der Baureihe TschS 4 in die hereinbrechende Nacht. Zum Abschluss des Tages öffne ich mein letzte Dose mit Wurst und Martin seine letzte Packung mit Schwarzbrot.

Der 29. Tag - Weißrussland

Das schöne Wetter vom Vortag hat uns über Nacht leider verlassen. Jetzt befinden wir uns auch wieder westlich von Moskau. Wir sind noch am Rätseln wo den nun unser Zug die Nacht hergefahren ist, denn es gibt mehrere Varianten. Dies können auch unser Schlafwagen 'Hostessen' nicht sagen. Die sind ja ganz nett haben aber von der Eisenbahn nur wenig Ahnung. Auf die Frage wo den der Zug hergefahren sein könnte, bekommen wir als Antwort: 'Wo Platz ist' Der erster längere Halt des Tages findet bei Regen in Wjasma statt. Der siebente Lokwechsel findet ohne mich statt. In Smolensk haben wir sogar fast eine Stunde Aufenthalt, wahrscheinlich für spätere Grenzkontrollen. Von einer Grenze ist zwischen Russland und Weißrussland ebenso wenig zu sehen wie nach Kasachstan. Das einzige woran wir merken das wir in Weißrussland sind, ist dass das Wetter von nun an immer besser wird. Bei der Ankunft in Minsk scheint sogar die Sonne. Langsam wird es Zeit, dass wir wieder nach Deutschland kommen, unsere Vorräte neigen sich unwiederbringlich dem Ende zu. Mit dem letzten Sonnenlicht erreicht der Zug am späten Abend Brest Zentral. Für uns und unsere Saarländerin verläuft die weißrussische Grenzkontrolle ohne Probleme. Unsere Nachbarn aber, müssen ihr komplettes Gepäck noch am Breitspurbahnsteig ausladen.In der Umspurhalle stellt sich heraus, dass durch irgend etwas unsere Wagenreihung durcheinander gekommen ist. Folglich stimmen die Wagennummern mit den Normalspurdrehgestellen nicht mehr überein. Einige Drehgestelle müssen somit erst anhand eines Portalkrans 'eingeflogen' werden. Nach der Umspurung heißt es erneut bschied nehmen, diesmal von Weißrussland und der Breitspur. Die polnischen Kontrollen sind nur noch Routine wenngleich mein Reisepass wohl etwas besonderes sein muss, macht er bei den polnischen Grenzern jedes Mal die Runde.Ein letztes mal müssen wir die Uhr eine Stunde zurück stellen. Es ist zwar jetzt erst wieder kurz nach 23 Uhr, aber diese letzte Nacht im Zug wollen wir noch einmal so richtig genießen.

Der 30. Tag - Wieder daheim

Als am morgen die Sonne ins Abteil scheint stehen wir bereits in Pozan. Merkwürdig was sind die Güterwagen seit gestern so klein geworden ? Nach einem letztem Lokwechsel in Rzepin erreicht unser Zug um halb elf in Frankfurt/Oder wieder deutschen Boden. Die deutsche Grenzkontrolle ist im wahrsten Sinne mit einem Wink erledigt. Ich kaufe mir die Fahrkarte nach Neheim-Hüsten und bei 'Hungry Jack' was zum Futtern. Martin besorgt in der Bahnhofsbuchhandlung für unsere Prowodniks 12 OTTO Kataloge. Hier in Frankfurt/0. übernimmt die elfte und letzte Lok, eine 155, unseren Zug. Jetzt kann es uns gar nicht mehr schnell genug weitergehen. Sind wir auf den letzten 5000 km praktisch immer pünktlich gewesen, schafft es die Deutsche Bahn mal wieder auf den letzten Kilometern noch 15 Minuten Verspätung einzufahren. Exakt um 12.10 Uhr erreichen wir nach 5007 km den Bahnhof von Berlin=Lichtenberg. Es ist geschafft, die Fahrt ist zu Ende, schade eigentlich. Um 15.10 wird der Zug die lange Strecke schon wieder zurück fahren. Nur mal gerade drei Stunden Zeit haben unsere beiden Prowodniks, um sich für die Rückfahrt startklar zumachen - ich würde am liebsten sofort wieder mit umfahren. Martin wird schon auf dem Bahnsteig erwartet, für ein Abschiedsfoto vor dem Wagen ist aber noch Zeit. Ich gehe gleich zur S-Bahn, während Udo und Martin noch etwas Essen möchten.Um 13.07 Uhr will ich am Bahnhof Zool. Garten mit IC 507 'Stolzenfels' gleich weiter nach Dortmund fahren. Nachdem ich Berlin verlassen habe und schneller als in den letzten Wochen durch die Mark Brandenburg fahre, frage ich mich, was war dran an Transsib. und BAM ? Um zu begreifen welche Faszination von diesem Land und dessen Eisenbahn ausgeht, muss man es besucht haben. Während andere nur davon Reden, man könnte, man sollte, haben wir es tatsächlich getan. Wobei das schönste sicherlich das Leben/Wohnen im Zug ist. Wer in Deutschland mit dem Zug fährt, muss beim Einstieg bereits daran denken, wann und wo das nächste Mal aus oder umgestiegen werden muss. Wer hier mit dem Zug fährt, der fährt selten für ein paar Stunden. So 'wohnten' wir ja gleich für mehrere Tage im Zug und konnten uns richtig häuslich einrichten.Nach etwas über vier Stunden hat mich die Realität wieder eingeholt; Dortmund Hbf. ist erreicht. Mit Umsteigen in Schwerte/Ruhr, erreiche ich ebenso gesund und pünktlich, wie ich es vor 30 Tagen verlassen habe, nach genau 24 857 km, um 18.48 Uhr den Bahnhof von Neheim-Hüsten.
 

Noch steckt uns der Rhythmus der Schiene im Blut - diese ständige Bewegung, dieses schrittweise Verstehen der Mitreisenden, diese ständig neuen Fragen beim Blick aus dem Fenster. 24857 Eisenbahnkilometer. Eine Reise, die kein Urlaub war,

aber zweifellos - Abenteuer.

Das Dedemdemdedemdemde... wird uns fehlen.

 
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